Volltext : Ehrle, Franz: Beiträge zur Geschichte und Reform der Armenpflege

16.  Die  vorgebliche  „principielle  Kritiklosigkeit"  der  kirchlichen  Armenpflege.
sungen  und  Mahnungen  wiederholen,  welche  uns  aus  dem  Zeitalter  der
Apostel  und  ersten  Schüler  nun  schon  bekannt  sind.
Die  Bekehrung  Constantins  warf  nämlich  auch  die  Schranken ¬
  nieder,  welche  die  christliche  Liebe  bisher  eingeengt  hatten.  Diese
betrat  nun  einen  Boden,  auf  dem  maßloses  Elend  der  Abhilfe  wartete.
Bald  veranlaßte  der  sich  schnell  mehrende  Reichthum  der  Kirchen  die
Anstellung  eigener  Oekonomen,  welchen  die  Bischöfe  die  Verwaltung
übertrugen,  ohne  jedoch  die  eigentliche  Leitung  ganz  aus  den  Händen  zu
geben.  Die  Pflege  selbst  konnte  und  mußte  nun  in  großartigerem  Maßstabe ¬
  unternommen  werden.  Und  so  wurde  denn  aus  dem  bescheidenen
diversorium  im  Hause  des  Bischofs  bald  ein  eigenes  Gebäude,  die
diaconia,  welche  sich  anfangs  als  allgemeines  Armenhaus  in  der  Nähe
der  Kirche  erhob.  Doch  binnen  Kurzem  konnte  eine  einzige  solche  Anstalt, ¬
  zumal  in  größeren  Städten,  nicht  mehr  für  alle  Arten  menschlicher
Hilfsbedürftigkeit  ausreichen.  Es  mußte  daher  die  Arbeit  getheilt
und  jeder  Gattung  ein  besonderes  Local  zur  nöthigen  Pflege  zugewiesen ¬
  werden.  Und  so  erstanden  denn  im  Laufe  der  folgenden  Jahrhunderte ¬
  rasch  allenthalben  in  der  ganzen  Christenheit  jene  herrlichen
Wohlthätigkeitsanstaltent,  die  eigentlichen  Armenhäuser,  in  welchen ¬
  vorzüglich  altersschwache  oder  sonst  arbeitsunfähige  Personen  Aufnahme ¬
  fanden,  die  Waisenhäuser,  die  Herbergen  für  die  Fremden  und
Reisenden,  die  Spitäler,  die  Findelhäuser,  deren  die  Concilien  jener  Zeiten ¬
  und  Justinian  in  seinem  Gesetzbuche  Erwähnung  thun?.  Für  jedes
neue  Bedürfniß  fand  sich  alsbald  die  nöthige  Hilfe.  Diese  nimmer  rastende ¬
  Liebe  gedachte  der  Noth  und  Gefahr  armer  Mädchen,  die  der
nöthigen  Aussteuer  entbehrten3,  erbarmte  sich  des  traurigen  Looses  der
Gefangenen,  welche  von  den  wilden  Kriegshorden  fortgeschleppt  wurden"
und  beschaffte  den  erforderlichen  Lösepreis;  sie  nahm  sich  der  unglücklichen ¬
  Bewohner  der  öffentlichen  Gefängnisse  an  5,  besorgte  die  Bestattung
der  Todten6,  eröffnete  den  reuigen  Sünderinnen  das  zur  Besserung  und
Buße  nothwendige  Asyl"
Ja  es  währt  nicht  lange,  so  finden  wir
auch  schon  eigene  Anstalten  für  die  Blinden  und  Stummen.  Schon  die
Mönche  in  den  abgelegenen  Gebirgen  Nitriens  eröffneten  Irrenhäuser  und
1  Ratzinger,  Geschichte  der  kirchlichen  Armenpflege.  Freiburg,  Herder  1868.
S.  92
3  Ratzinger  a.  a.  O.  S.  84.
Ratzinger  a.  a.  O.  S.  78.  83.
5  Ratzinger  a.  a.  O.  S.  85.
*  Ratzinger  a.  a.  O.  S.  84.  85,
6  Ratzinger  a.  a.  O.  S.  86.
7  Ratzinger  a.  a.  O.  S.  86.  A.  5.
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