Volltext : Ehrle, Franz: Beiträge zur Geschichte und Reform der Armenpflege

Die  vorgebliche  „principielle  Kritiklosigkeit"  der  kirchlichen  Armenpflege.  13
Briefe  des  heiligen  Ignatius  zeigen,  ihren  Überfluß  ärmeren  Kirchen
die
Ferner  erhellt  aus  dem  Gesagten,  daß  das  Armenwesen  der  ersten
zu.
christlichen  Jahrhunderte  sich  vorzüglich  auf  die  Hausarmenpflege  gründete. ¬
  Deßhalb  wurden  die  Diakonissinnen  zur  Besorgung  des  weiblichen
Theiles  der  Gemeinde  beigezogen.  Dasselbe  zeigt  eine  Stelle  Tertullians,
in  der  er  von  gemischten  Ehen  abmahnt,  indem  er  sagt:  „Wird  wohl
ein  Heide  seine  (christliche)  Gattin  zum  Besuche  der  Glaubensgenossen
von  Straße  zu  Straße  in  fremden  Häusern,  ja  in  den  ärmsten  Hütten
umhergehen  lassen?  Wird  er  ihr  erlauben,  sich  in  die  Kerker  zu  schleichen, ¬
  um  die  Fesseln  der  Martyrer  zu  küssen?  Kommt  ein  fremder
Bruder,  welche  Aufnahme  wird  er  in  einem  solchen  Hause  finden?“  1
Endlich  deutet  ja  auch  jene  genaue  Kenntnißnahme  der  individuellen  Bedürfnisse ¬
  auf  diese  Art  der  Pflege  hin.
Daß  die  gewährte  Unterstützung  häufig  in  Naturalien  bestand,
finden  wir  auch  mehrfach  bezeugt.  Dieß  zeigt  schon  der  rührende  Bericht
der  Apostelgeschichte  über  die  Auferweckung  der  Tabitha.  Trauernd  zeigten ¬
  die  Armen,  die  das  Todtenlager  dieser  guten  Wittwe  umstanden
dem  hl.  Petrus  die  Kleider,  die  sie  ihnen  geschenkt  hatte.  Der  hl.  Papst
Victor  weist  seinen  Diakon  an,  einem  gewissen  Armen  monatlich  ein  bestimmtes ¬
  Maß  Nahrungsmittel  zukommen  zu  lassen?.  Für  die  nöthige
Kritik  endlich  bei  der  Aufnahme  von  Fremden  war  durch  die  Empfehlungsbriefe ¬
  gesorgt,  welche  dieselben  von  dem  Bischof  ihrer  Heimath
mitbringen  mußt
Durch  diese  Organisation  der  Armenpflege,  weit  mehr  aber  noch
durch  den  Geist  wahrer  Nächstenliebe,  mit  der  sie  gehandhabt  wurde,
errang  das  Christenthum  einen  herrlichen  Triumph.  Zu  einer  Zeit,
wo  im  römischen  Reiche  das  Proletariat  zu  einer  furchtbaren  Plage  und
Macht  herangewachsen  war,  gab  es  unter  den  Christen  keinen  Nothleidenden. ¬
  Dieser  wunderbare  Erfolg  wird  vor  Allem  schon  von  der
Apostelgeschichte  bezeugt.  Obx  évdeis  fy  év  adrois".  Dasselbe  versichert
der  hl.  Papst  Urban  (222—30)  von  der  römischen  Gemeinde,  obwohl
die  Zahl  der  zu  Unterstützenden  sehr  bedeutend  war;  betrug  sie  doch  nur
wenige  Jahrzehnte  später  nach  dem  Zeugnisse  des  Eusebius  15005.  Für
1  Tertullian.,  Ad  uxor.  1.  2.  c.  4.  (Migne  PP.  Lat.  t.  1.  col.  1204.)
2  Philosophumena  1.  9.  c.  12.  Act.  Ap.  9.  36  sq.
3  Constitut.  apost.  1.  2.  c.  58.
*  Act.  Apost.  4,  34.
5  Eusebius,  Hist.  eccl.  1.  6.  c.  43.
13
            
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