240 VI. Der Kapitalismus und die Passivität der Landwirthschaft.
geiste Israels. Ich kenne einen Bierbrauereipächter, der allen Wirthen
im Bereiche seines Etablissements so lange borgte, bis sie nicht zahlen
konnten. Auf diese Weise erwarb er die Wirthshäuser in der Umgegend ¬
als Eigenthum, die früheren Eigenthümer sind seine Zinssklaven
und die Bevölkerung muß sein schlechtes Bier trinken, weil die Sklaven
anderes nicht verzapfen dürfen. Borg spielt daher auch bei dem Güterhandel ¬
eine große Rolle. Fügt es sich dann, daß der Käufer nicht
mehr als ¼ oder höchstens ½ des Kaufgeldes stehen läßt, so gewinnt
seine Existenz als Grundbesitzer an Halt. Treten jedoch Unglücksfälle
ein, bevor ein erheblicher Theil der Schuld getilgt werden kann, oder
betragen die auf dem Gute stehen gelassenen Restkaufgelder die Hälfte
der Kaufsumme, dann fällt das Schicksal solcher Schuldner schon vollständig ¬
zusammen mit jenen Erben, welche die Hälfte des Gutswerthes
als Abfindung erborgen müssen.
Natürlich ist die durch Restkaufgelder entstehende Verschuldung des
Grundbesitzes viel bedeutender als diejenige Verschuldung, welche durch
Erbtheile hervorgerufen wird, und zwar erstens: weil unter der Wirkung
des Kapitalismus die dem Grund und Boden angedichtete Eigenschaft
als Handelsartikel an und für sich schon eine größere Kapitalzuströmung
veranlaßt; zweitens: weil stehen gebliebene Erbgelder in der Subhastation ¬
regelmäßig den Charakter von Restkaufgeldern annehmen, dann
aber drittens: weil wir mit unserer neuen Gesetzgebung für den Güterhandel ¬
nicht nur indirekt die Bildung besonderer Agenturen provocirten,
sondern auch direkt koncessionirten,
Und nun wundern wir uns, daß
sich Hyänen oder Geier sammeln, wo der Schnitter Tod seine Ernte
hält! Rodbertus') theilt den Bericht eines solchen Geiers mit und
da jener — ich erinnere mich nicht mehr an welcher Stelle — sich einmal ¬
darüber beklagt, daß sein Werk nicht genug gelesen werde, so mag
dieser Bericht eines Commis voyageur der „Hypotheken=Branche"
hier eine Stelle finden:
„Das Geschäft in Hypotheken," so läßt sich der Mann vernehmen, ¬
„entwickelte sich bei mir in den letzt verflossenen Wochen in recht
erfreulicher Weise, und habe ich über große Umsätze vorzugsweise für
Rheinische und Süddeutsche Rechnung zu berichten. Gehandelt wurden
hauptsächlich erste Hypotheken auf Pommerschen Grundbesitz, wovon ich erste
Stellen und pupillarische Sicherheit zu 5% pari, kleinere Posten unmittel1) ¬
A. a. O. erste Abthlg. S. 71.