Inhaltsverzeichnis : Erbrechtspolitik, alte und neue Feudalität (100)

Das  französische  Erbrecht.
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zeigt  die  ganze  napoleonische  Politik,  dass  er  wohl  erkannte,
dass  ein  Monarch  gerade  in  einer  möglichst  grossen  Zahl
kleiner  Grundeigentümer  die  nachhaltigste  Stütze  seiner  Herrschaft -
  zu  finden  vermag.  In  jenem  Briefe  hat  er  adlige  Grossgrundbesitzer -
  vor  Augen.  Auch  zeigt,  dass  er  in  einem  Atem
zuge  von  der  Notwendigkeit  der  Zerstörung  bestehender  und
der  Errichtung  neuer  Fideikommisse  redet,  dass  ihm  nichts
ferner  liegt,  als  sich  prinzipiell  über  das  Erbrecht  äussern  zu
wollen.  Es  handelt  sich  ihm  nicht  um  Massnahmen,  die  ihre
Wirkungen  auf  Generationen  erstrecken,  sondern  die  den  konkreten -
  Bedürfnissen  des  Augenblicks  genügen  sollen.  Es  sind
aber  nicht  etwa  grosse  Bauernfamilien,  deren  Widerstand  er
in  Frankreich  und  Joseph  in  Neapel  vermeiden  wollen.  Wie
alle  die  grossen  Monarchen,  welche  den  modernen  Staat  begründet ¬
  haben,  wie  insbesondere  auch  die  englischen  Staatsmänner, ¬
  welche  1703  die  gleiche  Erbteilung  für  die  katholischen
Familien  Irlands,  und  wie  die  Zaren,  welche  die  gleiche  Teilung ¬
  der  Titel  und  Güter  in  Russland  einführten,  sah  er  in
dem  Erstgeburtsrecht  und  den  Fideikommissen  die  Stütze  eines
Junkertums,  welches  an  der  Spitze  rebellischer  Faktionen  sein
Sonderinteresse  über  das  Staatsinteresse  zu  stellen  bestrebt
sei.  Um  diesen  Widerstand  adliger  Grossgrundbesitzer  zu
brechen,  riet  er,  die  bestehenden  Fideikommisse  aufzuheben.
während  er,  ähnlich  wie  jene  englischen  Staatsmänner  die
Primogeniturerbfolge  für  protestantische  Familien  in  Irland
bestehen  liessen,  gleichzeitig  als  Mittel  zur  Sicherung  einer
despotischen  Herrschaft  Fideikommisse  aufs  neue  einführte
und  einzuführen  riet').  Karl  X.  war  der  erste  Monarch,  der
selbst  mehr  Junker  als  König  und  mehr  Romantiker  als  Politiker -
  über  der  Chimäre,  durch  eine  für  Generationen  wirkende
Gestaltung  der  Erbfolgeordnung  seinen  Thron  für  alle  Ewigkeit ¬
  zu  sichern,  die  konkreten  Bedürfnisse  der  Gegenwart
äusser  acht  liess.  Das  ist  es,  was  ich  im  folgenden  erzählen  will.
’)  Man  vergleiche  die  Äeusserung  Napoleons:  „Ich  habe  Senator
schaften  und  Fürstentümer  geschaffen,  um  ein  Ziel  für  den  Ehrgeiz  zu
schaffen  und  damit  die  Senatoren  und  Marschälle  in  Abhängigkeit  von
mir  zu  erhalten.“  Mes  Souvenirs  sur  Napoléon  par  le  Cte  Chaptal.
Paris  1893,  p.  324.
            
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