Object : ¬Der Gerichtssaal (Jg. 51 (1895))

294

Die empirische Natur des Willens.

Haupt bestreiten wollen, daß da, wo nur ein einziges Ziel im Be-
wußtsein vorliege, stets doch zufolge der Vernunft dem Willen
auch die Möglichkeit der Negation dieses Ziels, der Enthaltung
von jeder Action, gegeben sei, und daß daher auch hier, bei den
sogen, eindeutig motivirten Handlungen, eine Wahl vorliege.
Demgegenüber ist zwar zuzugeben, daß in uvstraeto die Ver-
nunft fähig ist, vor jeder eindeutig bestimmten Entscheidung sich
diese Vorstellung der Negation herbeizuholen, daß es aber auf eine
solche abstract gedachte Möglichkeit bei der concreten Analyse eines
Vorgangs nicht ankommt, sondern nur darauf, was wirklich be-
obachtet wird. Und da wäre denn doch, um auch für die ein-
deutig bestimmte Entschließung zufolge der Negationsmöglichkeit
eine Wahl annehmen zu können, zum Mindesten erforderlich,
daß die Möglichkeit der Negation, der Enthaltung, als Vor-
stellung im Bewußtseinsfelde überhaupt auftaucht, was ja in
Wirklichkeit keineswegs immer der Fall ist. Wo jene Vorstellung
der Negation nicht in Concurrenz, im Kampf mit dem vorschweben-
den Ziel tritt, da kann denn doch von jenem LotzAschen Wählen
in concreto nicht die Rede sein.
Bei derartigen eindeutig bestimmten Actionen treffen wir nun
auch jenes besondere Freihei tsgefühl., das wir bei der eigent-
lichen Wahlhandlung als so characteristisches Merkmal in uns
finden, keineswegs an. Im Gegentheil, sofern wir nur in den
Psychologischen Bildungsproceß des Willensentschlufses hier nicht
erst aus unserer nachträglichen Reflexion Elemente hineintragen,
haben wir zwar wohl den Eindruck, daß-die That unserem Willen,
unserem selbstbewußten Ich entsprungen ist, im Uebrigen aber
oft eher den Eindruck, als ob wir gar nicht anders hätten wollen
können.
Wenn nun in praxi Ethiker und Juristen nicht den geringsten
Anstand nehmen, in jenen eindeutig bestimmten Thaten eine Be-
thätigung des vernünftigen Willens zu sehen, ja wenn schließ-
lich Jedermann auch bei gleichgültigen Handlungerl dieser Art
im täglichen Thun und Treiben (z. B. bei den auf einen ge-
gebenen Anreiz erfolgenden gewohnten Verrichtungen des täglichen
Lebens) hier nicht etwa automatische oder Reflexthätigkeit, sondern

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer