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je nachdem eine hohe oder geringere Meinung vom Handwerk besteht,
die Grenze hoch oder niedrig gedacht werden kann. In Sachsen, Bayern
und Baden, wo die Großindustrie nicht mit in den Gewerbekammern
vertreten sein soll, hat man daher die Grenze unter Vermeidung des unklaren ¬
Begriffs „Handwerk" zu ziehen gesucht. In Bayern ist die Abgrenzung ¬
eine negative, so daß alle nicht zur Handelskammer wahlberechtigten
Gewerbetreibenden in die Gewerbekammer gehören. In Sachsen und Baden
ist die Einkommensteuer noch zu Hilfe genommen, um eine Scheidung herbeizuführen. ¬
Von reinen Handwerkerkammern muß unseres Erachtens schon deshalb ¬
abgesehen werden, weil dieselben sehr leicht Einseitigkeiten verfallen und
vielfach entweder eine kümmerliche oder eine ungesunde forcierte Lebensthätigkeit ¬
entwickeln würden. Bei aller Anerkennung der Tüchtigkeit und
Leistungsfähigkeit unseres Handwerkerstandes muß man doch aussprechen,
daß der kleine Handwerker leicht einen ziemlich engen, einseitigen Interessenstandpunkt ¬
vertritt. Ihm fehlt, vermöge seines Bildungsganges, häufig der
weite Gesichtskreis und die Fähigkeit, sich den Fortschritten unserer wirtschaftlichen ¬
Entwickelung schnell anzupassen und sich mit den gegebenen Verhältnissen ¬
in Einklang zu bringen *)
Aus diesen Gründen huldigt der Handwerker im allgemeinen leicht dem
Rückschritt. Er sieht unter Verkennung der historischen Entwickelung in
früheren Einrichtungen, die unter anderen Verhältnissen günstigere Resultate
hatten, den Weg zur Besserung der Lage seines Standes.
Unter den Handwerkern giebt es jedoch eine große Zahl intelligenter ¬
Männer, welche den Zug ihrer Zeit verstehen und die sich unter Benutzung ¬
aller neueren Fortschritte zu großen Handwerkern oder kleinen Fabrikanten ¬
emporarbeiten. Gerade diese intelligentesten Schichten, die am besten
zu beurteilen wissen, was dem Handwerk frommt, würden, wollte man
lediglich Handwerkerkammern gründen, aus denselben ausgeschlossen werden,
da sie ein Mittelglied zwischen Handwerk und Großindustrie bilden und nicht
mehr eigentlich zum Handwerk gehören. Von allen bisher bestehenden ¬
Gewerbekammern wird gerade auf die Heranziehung solcher Männer
der größte Wert gelegt, denn sie bilden die rührigsten Elemente und vermögen ¬
durch ihren Rat am segensreichsten für den Handwerkerstand zu
wirken.
Die Gutachten von Handwerkerkammern, die nur aus Vertretern des
kleineren Handwerkerstandes bestünden, würden daher meist einseitige, nicht
der Allgemeinheit genügend Rechnung tragende Beschlüsse zur Geltung bringen.
1) Hampke: Der Befähigungsnachweis im Handwerk, Jena 1892, S. 16 ff.