Volltext : Hampke, Thilo: Handwerker- oder Gewerbekammern ?

207
je  nachdem  eine  hohe  oder  geringere  Meinung  vom  Handwerk  besteht,
die  Grenze  hoch  oder  niedrig  gedacht  werden  kann.  In  Sachsen,  Bayern
und  Baden,  wo  die  Großindustrie  nicht  mit  in  den  Gewerbekammern
vertreten  sein  soll,  hat  man  daher  die  Grenze  unter  Vermeidung  des  unklaren ¬
  Begriffs  „Handwerk"  zu  ziehen  gesucht.  In  Bayern  ist  die  Abgrenzung ¬
  eine  negative,  so  daß  alle  nicht  zur  Handelskammer  wahlberechtigten
Gewerbetreibenden  in  die  Gewerbekammer  gehören.  In  Sachsen  und  Baden
ist  die  Einkommensteuer  noch  zu  Hilfe  genommen,  um  eine  Scheidung  herbeizuführen. ¬

Von  reinen  Handwerkerkammern  muß  unseres  Erachtens  schon  deshalb ¬
  abgesehen  werden,  weil  dieselben  sehr  leicht  Einseitigkeiten  verfallen  und
vielfach  entweder  eine  kümmerliche  oder  eine  ungesunde  forcierte  Lebensthätigkeit ¬
  entwickeln  würden.  Bei  aller  Anerkennung  der  Tüchtigkeit  und
Leistungsfähigkeit  unseres  Handwerkerstandes  muß  man  doch  aussprechen,
daß  der  kleine  Handwerker  leicht  einen  ziemlich  engen,  einseitigen  Interessenstandpunkt ¬
  vertritt.  Ihm  fehlt,  vermöge  seines  Bildungsganges,  häufig  der
weite  Gesichtskreis  und  die  Fähigkeit,  sich  den  Fortschritten  unserer  wirtschaftlichen ¬
  Entwickelung  schnell  anzupassen  und  sich  mit  den  gegebenen  Verhältnissen ¬
  in  Einklang  zu  bringen  *)
Aus  diesen  Gründen  huldigt  der  Handwerker  im  allgemeinen  leicht  dem
Rückschritt.  Er  sieht  unter  Verkennung  der  historischen  Entwickelung  in
früheren  Einrichtungen,  die  unter  anderen  Verhältnissen  günstigere  Resultate
hatten,  den  Weg  zur  Besserung  der  Lage  seines  Standes.
Unter  den  Handwerkern  giebt  es  jedoch  eine  große  Zahl  intelligenter ¬
  Männer,  welche  den  Zug  ihrer  Zeit  verstehen  und  die  sich  unter  Benutzung ¬
  aller  neueren  Fortschritte  zu  großen  Handwerkern  oder  kleinen  Fabrikanten ¬
  emporarbeiten.  Gerade  diese  intelligentesten  Schichten,  die  am  besten
zu  beurteilen  wissen,  was  dem  Handwerk  frommt,  würden,  wollte  man
lediglich  Handwerkerkammern  gründen,  aus  denselben  ausgeschlossen  werden,
da  sie  ein  Mittelglied  zwischen  Handwerk  und  Großindustrie  bilden  und  nicht
mehr  eigentlich  zum  Handwerk  gehören.  Von  allen  bisher  bestehenden ¬
  Gewerbekammern  wird  gerade  auf  die  Heranziehung  solcher  Männer
der  größte  Wert  gelegt,  denn  sie  bilden  die  rührigsten  Elemente  und  vermögen ¬
  durch  ihren  Rat  am  segensreichsten  für  den  Handwerkerstand  zu
wirken.
Die  Gutachten  von  Handwerkerkammern,  die  nur  aus  Vertretern  des
kleineren  Handwerkerstandes  bestünden,  würden  daher  meist  einseitige,  nicht
der  Allgemeinheit  genügend  Rechnung  tragende  Beschlüsse  zur  Geltung  bringen.
1)  Hampke:  Der  Befähigungsnachweis  im  Handwerk,  Jena  1892,  S.  16  ff.
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.

powered by Goobi viewer