Volltext : Reimarus, Hermann Samuel: Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere, hauptsächlich über ihre Kunsttriebe

398  |  11  Cap.  Erkenntniß  unser  selbst
erfinden,  was  uns  nutzen  könne,  und  mit  welchen =
  Werkzeugen  wir  jedes  zu  dem  eingesehenen
Nutzen  bereiten  müssen;  d.  i.  der  natürliche
Mangel  lan  sinnlichen  Bedürfnissen  verweiset
uns  auf  den  Gebrauch  unserer  Vernunft  zur
Erwerbung  der  Künste  und  Wissenschaften.  Es
wird  auch  nicht  leicht  ein  Volk  seyn,  welches
nicht  wenigstens  einige  Künste  oder  Wissenschaft =
  zu  ihrer  Lebens=Art  ersonnen  und  zur  Fertigkeit =
  gebracht  hätte.  Und  wenn  einige  wilde
Völker  darinn  noch  nicht  viel  weiter  gekommen
sind,  als  es  die  äusserste  Nohtdurft  erheischte:
so  ist  das  wohl  ein  sicheres  Zeichen,  daß  sie  von
einem  rohen  Volke  abgestammt  sind,  nicht
lange  in  den  Ländern  gewohnet,  und  sich
noch  nicht  sehr  vermehret  haben,  und  so  ferne
noch  einen  Ueberfluß  an  den  ersten  Nothwendigkeiten =
  finden.  Je  mehr  sich  aber  die  Menschen
in  einem  Lande  häufen,  desto  mehr  müssen  Künste, ¬
  als  nohtwendige  Nahrungsmittel,  ersonnen, ¬
  zur  Vollkommenheit  gebracht  und  vertheilet, ¬
  ja  bis  zur  Erfüllung  aller  Bequehmlichkeit =
  und  alles  Vergnügens  getrieben  werden.
Und  dieses  kann  unmöglich  ohne  die  Wissenschaften, =
  insonderheit  der  Mathematik,  Physik, =
  Chymie,  und  andern  dergleichen,  geschehen. =
  Wir  würden  nicht  einmal  den  Ackerbau
gut  bestellen,  auf  der  Erde  zurecht  finden,  oder
uns  auf  die  offene  See  wagen  können,  wenn
wir  nicht  den  Himmel  und  den  Lauf  der  Sterne
kenneten.
§  154.
            
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