Objekt : Neeb, Johannes: Ueber den in verschiedenen Epochen der Wissenschaften im allgemein herrschenden Geist und seinen Einfluß auf dieselben

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nur  solche  Künstler  mit  so  hohen  Begriffen  von
menschlicher  Würde,  waren  im  Stande  Ideale
zu  bilden,  das  Genie  durch  Religiosität  zu
beflügeln,  das  Göttliche  zu  versinnlichen  ohne
zu  erniedrigen,  das  Schöne  in  den  Himmel  zu
erheben  ohne  der  Anschauung  zu  entziehen  *.
Der  Geist  des  richtigen  Gefühles  wirkte
mächtig  und  wohlthätig  auf  die  Gesetzge* ¬
  Es  erklärt  sich  also  leicht,  warum  der  höchste  Schwung,
den  die  bildende  Kunst  je  nahm,  das  Ideal  der
Schönheit  und  Vollkommenheit  in  Einem  Gegenstande ¬
  versinnlicht  darzustellen,  in  den  Statuen  der
Griechen  zu  suchen  ist.  Es  scheint,  als  wenn  zufolge
des  christlichen  Lehrbegriffes,  daß  der  Sohn  Gottes
selbst  die  Gestalt  eines  Menschen  angenommen  habe,
diese  glückliche  Uebereinstimmung  des  Religionssystemes ¬
  und  der  Kunstideen  wieder  hergestellt  sey,  und
es  fehle  nichts,  als  daß  die  Natur  einmal  den  Kunstsinn ¬
  eines  Raphael  Urbino,  und  das  pbysiognomische =
  Gefühl  eines  Raphael  Lavater  in  einem
Subjekte  hervorbringe.  Aber  es  scheint  nur,  der
christliche  Begriff  von  Gott  ist  zu  erhaben,  um  in
einem  Gegenstand  die  Schönheit  mit  dem  Göttlichen
zu  verbinden.  Wahrscheinlich,  damit  kein  christlicher
Künstler  es  versuche,  die  Griechen  hierin  nachzu
ahmen,  trug  sich  in  den  ersten  ehristlichen  Zeiten,
wie  uns  ein  Kirchenskribent  erzählt,  eine  Tradition
herum,  daß  Christus  keine  körperliche  Schönheit
besaß.
            
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