§. 4. Individneller Wille und Gattungswille.
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ihn als Gesetz dem individuellen Willen gegenüber stehen, welches
die bewußten Aeußerungen dieses beschränkt.
Wenn wir auch nicht mit der Schopenhauer'schen Philosophie
den Satz aufstellen, daß jedes Individuum nothwendig so handele, wie
es handelt, aus dem einfachen Grunde nicht, weil der Mensch sich seiner
Handlungen wegen verantwortlich fühlt und auch von jeher deswegen
verantwortlich gemacht ist, und diese anschauliche Erkenntniß eine
zehnmal sicherere Bürgschaft für die Wahrheit giebt als alle begrifflichen ¬
Deduktionen es vermögen, so haben wir doch dem Menschen
eine weit geringere Wahlfreiheit einzuräumen, als gewöhnlich geschieht; ¬
Völker und Staaten, Religionen und Künste, Mythen, Sprache,
Wirtschaft u. s. w. entwickeln sich nach bestimmten Gesetzen, welche
sich der individuellen Willkür vollkommen entziehen, also für das
Individuum den Charakter von Naturgesetzen tragen. Jedes Einzelindividuum ¬
bildet mit an seinem Volke, an seiner Religion, an der
Firtschaft, an der Sprache; es folgt dabei, soweit ihm bewußt ist,
ganz seiner Willkür; aber wenn hinterher der forschende Menschengeist ¬
dieses sein eigenes Machwerk überblickt, so sieht er mit Staunen,
wie in all dieser Willkür die strengsten unwandelbaren Gesetze geherrscht ¬
haben. Es ist der unsichtbare Wille der Gattung, der in
den Jndividuen ihnen selbst unbewußt herrscht.
Aber auch schon die beschränkte Wahlfreiheit des Individuums
giebt ihm die Möglichkeit, unter Umständen dem Gattungswillen
entgegen zu handeln, und in diesem Gegensatz gegen die individuelle
Wahlfreiheit neunen wir den Gattungswillen, wie dies später ausgeführt ¬
werden wird, das Recht.
Wir sehen nun überall im Leben in allen möglichen Formen
den Gattungswillen nach Gestaltung ringen. Wir wollen im Folgen
den in der Kürze einige der wähtigsten Erscheinungen des Gattungswillens, ¬
wie sie uns aus dem practischen Leben bekannt sind, überblicken. ¬
Die unterste Stufe der Erscheinung des Gattungswillens ist
der Nahrungstrieb des Einzelindividuums, welcher bei dem Menschen
als vernunftbegabtem Wesen durch die Vernunft beeinflußt, erscheint als
der Trieb des Individuums, sich eine ihm in allen Beziehungen zusa
gende physische Existenz zu schaffen, daher insbesondere auch als Er
werbstrieb ohne Rücksicht auf das augenblickliche oder nächstliegende Bedürfniß, ¬
wie bei den Thieren. Im Nahrungstriebe erhält sich die