Metadaten : Layard, Austen Henry: Niniveh und seine Überreste

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wenigstens  durch  allgemeine  Zustimmung  aus  ein  und  derselben  Familie  gewählt
Nöthig  ist  es,  daß  die  Mutter  sich  vor  der  Geburt  eines  Kindes,  welches  bestimmt ¬
  ist,  die  hohe  Stelle  des  Oberhauptes  der  chaldäischen  Kirche  zu  bekleiden,
während  dreier  Monate  des  Genusses  von  Fleisch  und  aller  animalischen  Nahrungsmittel ¬
  enthalte.  Der  Patriarch  selbst  ißt  nie  Fleisch.  Vegetabilien  und
Milch  machen  seine  einzige  Nahrung  aus.  Eigentlich  muß  er  von  drei  Metropolitanen ¬
  geweiht  werden,  und  er  erhält  jederzeit  den  Namen  Schamun  oder
Simon,  während  sein  Nebenbuhler,  der  Patriarch  der  bekehrten  Chaldäer,
seinerseits  den  Namen  Usuf  oder  Joseph  annimmt.
Die  Sprache  ist  ein  dem  Hebräischen,  Arabischen  und  Syrischen  verwandter
schemitischer  Dialekt  und  führt  noch  den  Namen  Chaldih.  Ihre  meisten
Kirchenbücher  sind  in  syrischer  Sprache  geschrieben,  welche,  wie  das  Lateinische
im  Abendlande,  die  heilige  Sprache  im  größten  Theile  des  Morgenlandes
geworden  ist.  Der  Dialekt,  welchen  die  Gebirgsbewohner  sprechen,  weicht  ein
wenig  von  dem  der  Bewohner  der  Dörfer  in  den  Ebenen  ab;  doch  beruht  der
Unterschied  nur  auf  örtlichen  Verhältnissen:  und  es  ist  eine  sonderbare  und
interessante  Thatsache,  daß  das  Chaldäische,  welches  in  der  Nähe  von  Mosul
gesprochen  wird,  fast  ganz  identisch  ist  mit  der  Sprache  des  merkwürdigen  Stammes
der  Sabier  oder  Sct.  Johannischristen,  wie  sie  gemeinhin  genannt  werden,
die  in  den  Bezirken  an  der  Mündung  des  Euphrat  und  in  der  Provinz ¬
  Khusistan  oder  Susiana  gefunden  werden,  und  die  wahrscheinlich
Abkömmlinge  der  Bewohner  des  alten  Babyloniens  und  Chaldäa's  sind.
Aus  den  vorhergehenden  Bemerkungen  wird  man  ersehen,  daß  man  zwischen
den  chaldäischen  Christen  und  zwischen  den  Gliedern  der  protestantischen  Kirchen
in  gewissen  Punkten  eine  auffallende  Aehnlichkeit  findet.  Diese  Uebereinstimmungen ¬
  sind  um  so  wichtiger  und  verdienen  um  so  mehr  Beachtung,  als  sie
viele  Lehren  der  reformirten  Kirchen  bestätigen  und  mit  der  Urkirche  in  Verbindung ¬
  bringen.  Die  eigentliche  Lehre,  welche  den  Chaldäern  die  Anklage
wegen  Ketzerei  —  selbst  wenn  man  es  im  weitesten  Sinne  zuläßt  —  zugezogen, ¬
  kann  ihnen  nur  als  Neuerung  angerechnet  werden.  Ihre  Unbekanntschaft ¬
  mit  dem  Aberglauben  der  römischen  Kirche  und  ihre  einfacheren  Gebräuche
und  Ceremonien  kann  man  deutlich  auf  die  primitive  Form  des  Christenthums
zurückführen,  die  sie,  ehe  es  verunstaltet  wurde,  bekamen.  In  den  entfernten
Thälern  Kurdistans  allein  liegend,  von  allen  Verbindungen  mit  andern
christlichen  Gemeinden  abgeschnitten,  haben  sie  den  alten  Glauben  fast  in  seiner
ursprünglichen  Reinheit  erhalten.  Fälschungen  mögen  sich  eingeschlichen  haben
und  Unwissenheit  mag  zu  Vernachlässigung  von  Lehren  und  Ceremonien  verleitet ¬
  haben;  im  Ganzen  aber  muß  man  sich  wundern,  daß  die  Chaldäer
nach  Verlauf  von  fast  stebzehn  Jahrhunderten  sind,  was  sie  sind.  Wenige  Secten
giebt  es  im  Abendlande  und  keine  im  Morgenlande,  die  sich  der  Reinigkeit  des
Glaubens  oder  solcher  Einfachheit  im  Gottesdienste  rühmen  können,  wie  sie.
Die  Protestanten  in  Amerika  haben  seit  einiger  Zeit  großes  Interesse  an
den  Chaldäern  genommen.  In  und  um  Oruhmiah  haben  ihre  Missionäre
Schulen  eröffnet.  Eine  Buchdruckerpresse  ist  aufgestellt  und  bereits  mehrere
Werke,  einschließlich  der  Bibel,  in  der  Landessprache  des  Volkes  und  mit  ihm
eigenthümlicher  Schrift  gedruckt  worden.  Die  Bemühungen  dieser  Missionäre
sind,  wie  ich  glaube,  von  Erfolg  gewesen.  Obgleich  Glieder  der  Independentenkirche, ¬
  wollen  sie  doch  jedes  Eingriffes  in  das  kirchenregimentliche  System  der
Chaldäer  sich  enthalten,  indem  sie,  wie  mir  gesagt  wurde,  zugeben,  daß  das
            
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