Fünfter Abschnitt. §. 101.
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Die Wagschale des römischen Staatslebens schnellte empor, als das
Cäsarenthum nicht schwer genug erfunden ward. Da lebte in jener preiswürdigen ¬
Christnacht eines Leo III. und Karl des Großen im römischen
Reiche germanischer Nation ein schönerer Hymnos, das kräftige Samenkorn ¬
einer neuen Völkerjugend, eines christlichen Staatswesens auf.
Wenn wir aber uns der Hoffnung hingeben, daß an jenen Anfang der
Cyklus einer neuen größeren Olympiade sich anknüpfen werde: so dürfen
wir uns dabei erinnern, daß der verdorrte Stecken des römischen Imperatorenthums ¬
in der intensiveren Lebenskraft des germanischen Königund ¬
daneben, daß der
thums zu neuem grünen Leben gediehen ist, unebenbürtige -
Vertreter des Hymnos in der glänzenden Vierzahl römischer
Juristen, jener Modestin, neben einem Papinian, Paulus und Ulpian, ¬
in Irnerius und der Glosse den Vollender und die Vorbereitung
eines neuen Cyklus gefunden hat.
In solch' treuer Ergänzung und Universalsuccession der Zeitalter wird
das Samenkorn zur Frucht, die neuen Samen trägt; Stillstand ist Tod, das
Leben ist unablässige Strömung. Der Säugling, dessen Seelenleben noch
unter der Schneedecke sinnlicher Regung gebunden lag, wird zum Greis,
welcher mit der verklärenden, sammelnden Kraft friedlicher Selbstschau die
wuchernde Welt irdischer Sinneslust bemeistert: das ist jener Fortschritt
von der anfänglichen Fesselung des Geistes zu der endlichen Vergeistigung ¬
der Materie (s. oben §. 21. S. 78), der Aufschwung vom
embryonischen Chresmos zum siegreichen Hymnos (welcher das verklärte
Epos selbst ist).
Auch durch das Haupthaar des gereiften Genius der Rechtswissenschaft, ¬
der großen vollendeten Rechtswissenschaft der Menschheit,
wird dereinst ein Oelkranz sich schlingen, in seiner Rechten die Siegesgöttin ¬
winken, in seiner Linken das Adlerszepter ruhig herrschen. - Der
Rechtssinn der Menschheit vegetirte, schlummerte, träumte „am Anfang
in dem Unschuldsgewande einer lieblichen, sinnigen, keuschen Symbolik;
da hatte noch kein Sturm des Lebens das Haar zerzaust und die Muskelkraft =
des strafferen Gedankens wachgerufen; — und „am Ende", im
klaren Lebensherbst, da wird der greise, gereifte Rechtssinn sich jener Kindeszeiten ¬
neu erinnern, an ihnen sich jugendlich aufraffend, wird stille
Einkehr in sich halten und mit beschaulicher Weisheit in der geistigen
Bilderwelt heimisch werden. In Jenem webte alle Poesie der ahnungsreichen ¬
Kindheit, in Diesem lebt die reinere Poesie des Alters, d. i. des
Friedeus. Diese neue Symbolik des Rechtes, wann sie einst sich
vollenden wird, ist die gereifte Frucht der Rechtswissenschaft (siehe oben