Volltext : Jhering, Rudolf von: ¬Das Trinkgeld

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da  ein  anständiger  Mensch  sie  unentgeltlich  erweist, ¬
  streckt  er  die  Hand  nach  einer  Vergütung
aus;  das  heisst  in  meinen  Augen  betteln.  Den
Lohn  kann  man  begehren,  eine  Freigebigkeit  nicht,
wer  sie  dennoch  begehrt,  ist  Bettler  —  auf  das
Kleid  kommt  es  dabei  nicht  an,  es  giebt  Bettler
in  Sammt  und  Seide,  die  geheime  Geschichte  der
Orden  könnte  davon  viel  berichten.  Jeder  Bettel
aber  setzt  innere  und  äussere  Demüthigung  voraus; ¬
  der  sich  seines  Werthes  bewusste  Mann  bettelt
nicht.  Das  Betteln,  in  welcher  Form  es  auch
geübt  werde,  thut  daher  dem  richtigen  Stolz,  von
dem  jeder  ordentliche  Mann,  auch  der  geringste,
beseelt  sein  soll,  Abbruch,  und  wenn  es  wie  im
Trinkgelderwesen  zum  System  erhoben  ist,  übt  es
auf  die  ganze  Gesellschaftsclasse,  bei  der  es  besteht, ¬
  einen  moralisch  depravirenden  Einfluss  aus.
Es  setzt  an  die  Stelle  der  sittlich  heilsamen  Wirkung ¬
  des  Lohnes,  welcher  dem  Manne  die  Befriedigung ¬
  gewährt,  ihn  durch  Arbeit  verdient  zu
haben,  der  sein  Rechtsgefühl  stärkt  und  seinen
Arbeitstrieb  anregt,  die  verderbliche  Wirkung
eines  Mitteldings  zwischen  Lohn,  Geschenk,  Almosen, ¬
  das  weder  den  Rechtfertigungsgrund  des
ersten:  die  Arbeit,  noch  den  des  zweiten:  das
Wohlwollen,  noch  den  des  dritten:  die  Bedürftigkeit, ¬
  für  sich  anführen  kann  —  eine  Zwitterbildung,
bei  welcher  der  oben  nachgewiesene  unlautere
Ursprung,  dem  sie  auf  Seiten  der  höheren  Classen
            
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