Volltext : Hollweck, Joseph: ¬Das Civileherecht des Bürgerlichen Gesetzbuchs

—-  7  —
Luther  konnte  seinen  Ideen  eine  größere  Verbreitung  geben
als  Marsilius  und  Occam  und  sie  fanden  jetzt  einen  gut  bereiteten
und  immer  mehr  sich  selbst  bereitenden  Boden.  Was  Brenzals ¬
  Folgerung  aus  Luthers  Prinzipien  offen  ausgesprochen,  daß
der  „eelich  Contrakt,  gleich  wie  sonst  andere  weltliche  Contrakt,
möcht  auch  wohl  auf  Ratsheusern  oder  andern  gemeinen  effentlichen, ¬
  eherlichen  und  bürgerlichen  orten  verrichtet  werden",  wurde
erstmals  in  Holland  und  Friesland  (1.  April  1580)  praktisch
durchgeführt.  Die  Trauung  konnte  nur  vor  dem  reformirten
Prediger  oder  vor  dem  Magistrat  giltig  geschlossen  werden.
Die  Bestimmung  richtete  sich  gegen  die  Katholiken  und  die  protestantischen ¬
  Dissidenten  2).  —  Der  würdige  Calvinist  Cromwell
führte  dann  die  obligatorische  Civilehe  1653  in  England,
Schottland  und  Irland  ein,  aber  nach  siebenjährigem  Bestand ¬
  wurde  die  verhaßte  Einrichtung  durch  Karl  II.  wieder
beseitiget  3).
Zur  vollen  Reife  gedieh  Luthers  Gedanke  in  der  französischen ¬
  Revolution.  Die  calvinistisch  gesinnten  Elemente  in
der  legislativen  Versammlung  im  Bunde  mit  den  Atheisten  wollten
auch  auf  eherechtlichem  Gebiet  mit  dem  Christenthum  aufräumen.
Diesen  Tendenzen  war  die  französische  Theologie  in  der  Trennung
--------—
Widerspiel  zu  Luther  „die  Kanonisten  des  Mittelalters  zwar  die  Sakramentalität ¬
  der  Ehe  festhielten,  aber  doch  von  innerer  Verachtung  gegen
sie  durchdrungen  waren",  läßt  sich  höchstens  durch  Fälschung  der  von
diesen  Canonisten  ausgesprochenen  Gedanken  über  die  Vorzüge  des  ehelosen
Standes  erhärten;  derselbe  Vorwurf  trifft  dann  aber  auch  den  Apostel
Paulus.  Die  Erklärung  der  Widersprüche  Luthers  in  unserer  Sache  ist  ein
besonderes  Kreuz  der  protestantischen  Theologen;  Friedberg  meint,  es  wäre
das  schwere  Werk  Richter  beinahe  gelungen.  Sein  eigener  Versuch  (a.  a.
O.  S.  161  ff.)  ist  nicht  minder  mißglückt.  Natürlich  ist  es  auch  hier  der
Cölibat,  —  seine  Unstatthaftigkeit  soll  Luther  „schriftmäßig  bewiesen"  haben
(wohl  aus  Matth.  1,  18;  19,  1—10  ;  Luc.  1,  26  ;  I.  Cor.  7,  7—25?)
der  ihn  zu  diesen  Widersprüchen  reizte.  Ebenso  mißglückt  ist  Kawerau's
Rettungsversuch  (Die  Reformation  und  die  Ehe;  Halle  1892).
1)  Bei  Friedberg,  Geschichte  der  Civilehe,  S.  97.
2)  Friedberg,  Das  Recht  der  Eheschließung,  S.  482.  Der  Haß  gegen
die  Katholiken  blieb  unentwegt  derselbe.  Die  protestantischen  Dissidenten  und
die  Juden  wurden  alsbald  toleranter  behandelt;  das.  S.  483  f.
3)  Friedberg,  a.  a.  O.,  S.  322  ff.
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.

powered by Goobi viewer