Einleitung.
Wohlbefinden und Veredelung sind die Bedürfnisse der Menschen bald vermehrt
worden, und der Drang nach Befriedigung dieser Bedürfnisse, die Noth, hat die
körperlichen und geistigen Kräfte jedes Einzelnen und ganzer Nationen gekräftigt
und vervollkommnet. Auf diesem Wege der Sorge, der Arbeit und der Mühe ist
das Menschengeschlecht veredelt, verfeinert und seiner höhern Bestimmung immer
näher zugeführt worden.
Alle Kräfte der Natur hat der Mensch sich unterthan gemacht; der erste Versuch ¬
der Schifffahrt hat die Welt erobert. Die Schifffahrt, klein und dürftig in
ihrem ersten Anfange, kaum geeignet, um in schwankendem Nachen ein nachbarliches ¬
Ufer zu erreichen, hat den Keim gelegt für die geistige und materielle Entwickelung ¬
des Menschengeschlechts, für die Civilisation der Welt. Dem, in die
engen Grenzen des täglichen Bedürfnisses eingeschränkten, Tauschhandel eröffneten
Aber
sich neue Bahnen, dem kühnen Seefahrer neuer Reiz, neuer Gewinn. erst -
durch die Erfindung des Geldes, jenes allgemeinen Werthrepräsentanten für
alle und jede Waare, wurde dem Handel die Welt erschlossen.
Wenn man nun bei jenem Tauschhandel in dem gegenseitigen Auswechseln
von Erzeugnissen, und bei dem Geldhandel in dem Geben von Waaren und dem
Empfangen von Geld, oder in dem Umtausch von Geldsorten gegeneinander einen
Wechsel, cambium, im Sinne des Wechselrechts, finden könnte, dann wäre allerdings ¬
die Ansicht derjenigen historisch wohl begründet, die da behaupten: der
Wechsel sei so alt, als der Handel selbst 2). Allein jener Sachen- und Geldtausch
und der moderne Wechsel sind doch ganz verschiedene Begriffe.
Ebenso unhaltbar und historisch nicht zu begründen ist die Ansicht derjenigen,
welche den Wechsel für eine Erfindung der vertriebenen Juden ausgeben. Denn
abgesehen davon, daß die Juden zu allen Zeiten und in allen Ländern bedrückt
worden sind, also Auswanderungen Einzelner und in Masse verschiedentlich, namentlich ¬
auch in Frankreich, stattgefunden haben, so erscheint auch der Wechsel für
den Verbannten ein wenig geeignetes Mittel, seine Habe aus dem Lande, welches
ihn und sein Vermögen verfolgt, herauszuziehen 3)
Auch die Ansicht derjenigen findet keinen Beifall, welche behaupten, daß der
Wechsel schon den Römern und Griechen und schon zu Zeiten Alexanders des
Großen bekannt gewesen sei *). Rom, dem Ruhme der Waffen mehr, als der
Beschäftigung des Friedens huldigend, trieb trotz seiner günstigen Lage nur wenig
Handel. Rom war aber eine verkehrsreiche, mit Schätzen überladene Stadt,
2) Kuntze a. a. O. S. 127
3) Büsch, Von dem wahren Grunde des Wechselrechts, sammt einem Beitrage zur Geschichte
desselben. 1784. In Büsch, sämmtl. Schriften Bd. VI. Martens, Ursprung rc. S. 4. Daniels, ¬
Grundsätze des Wechselrechts. (Cöln 1827). S. 16. Arenz, Abhandlung über Ursprung ¬
und Entwickelung des Wechsels, S. 7. (Eine Einladungsschrift rc. 1855.) Einert findet ¬
die Konjectur, daß der Wechsel von einer Nation oder Volksklasse erfunden worden, die in
den Wirren des Mittelalters der Verbannung unterlagen und den Wechsel zur Rettung ihres
Vermögens benutzt haben, sehr wahrscheinlich. Arch. f. D. WR. Bd. 6. S. 122. Kheil,
Wechselrecht des Oesterreichischen Kaiserstaates. Zweite Auflage. (Prag 1859) S. 1 ff.
4) Raphael de Turri l. c. Disp. I. qu. 4. n. 19 sq. Franck, Instit. jur. camb. Prologom. ¬
tit. II. §. 3. (Hal. 1721). Becker, Dissert. de lit. camb. §. 1. (Besecke Bd. I.
p. 582). Leyser, Meditat. etc. spec. l. XXXIII. med. 1.