Objekt : Mayer, Sigmund: ¬Die Aufhebung des Befähigungsnachweises in Österreich

72  „Krieg  im  Frieden."  Kriegshändel  zwischen  Handwerk  u.  Handel.
gegenüber  dem  ständigen  Streben  jeder  der  verschiedenen  wirtschaftlich ¬
  gesonderten  Klassen  der  bürgerlichen  Gesellschaft  alle
anderen,  d.  h.  die  Gesamtheit,  auch  wirtschaftlich  auszunützen,
die  gerecht  abwägende  Macht  des  Staates,  dieses  Vertreters  der
allgemeinen  Interessen,  zur  Geltung  zu  bringen.  Das  ist  eben
die  tiefste  Kraft  der  monarchischen  Institution,  die  stärkste  Quelle
ihrer  dauernden  Macht,  daß,  gegenüber  den  anderen  Staatsformen, ¬
  in  ihr  der  Träger  der  Staatsgewalt  seinesgleichen  im
Reiche  weiter  nicht  hat;  daß  er  mit  der  ganzen  Bevölkerung
durch  das  Staatsinteresse,  aber  mit  keiner  Klasse  durch  ein
gemeinsames  Standesinteresse  zusammenhängt.  Diesen  tiefen
Inhalt  hat  der  Konflikt  in  der  Gewerbefrage  zwischen  Reichstag
und  Parlamentsmajorität  in  Deutschland;  der  gleiche  Konflikt
mit  dem  gleichen  Inhalt  wird  auch  an  die  österreichische  Regierung
herantreten.  Die  gleiche  Festigkeit  letzterer  gegenüber  diesen
Bestrebungen  in  unserem  Reiche  ist  umsomehr  eine  Forderung
gesunder  Staatspolitik,  als  die  Anforderungen  der  Zunftpartei
Österreichs  weit  über  das  Maß  dessen  hinausgehen,  was  dieselbe
Partei  in  Deutschland  verlangt  hat  —  denn  letztere  beansprucht
durchaus  nur  streng  innerhalb  des  Handwerks  den  Zunftzwang,
läßt  aber  den  Handel  „ungeschoren",  während  bei  uns  gerade
die  Hauptaktion  auf  die  Beschränkung  des  Handels  gerichtet  ist.
Heute  ist  aber  der  Handel  an  und  für  sich  dem  Gesetze  nach
noch  frei,  und  so  konnte  die  Agitation  nur  dort  zugreifen,  wo
ein  wirkliches  oder  scheinbares  Übergreifen  des  Handels  nachzuweisen ¬
  möglich  war.  Als  ein  solcher  ganz  deutlicher  Fall  erschien ¬
  der  Zunftpartei  die  „Konfektion"  oder  das,  was  man
gemeinhin  eine  solche  nennt:  die  Errichtung  von  Herrenkleideretablissements ¬
  durch  Kaufleute.  Darum  eröffneten  auch  die
„Schneider“  seinerzeit  den  Kampf  in  der  ganzen  Gewerbefrage,
bleiben  auch  stets  im  Vordertreffen,  und  wenn  die  Agitation  mit
der  Einführung  des  Befähigungsnachweises  im  Jahre  1883
gesiegt  hat,  so  verdankt  sie  dies  unzweifelhaft  in  erster  Linie
unseren  tapferen,  hieb-  und  stichfesten  Schneidern.  Allerdings,
die  erste  Frucht  der  gewerblichen  Reaktion  für  die  Schneider  war
            
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