Arbeitsgelegenheit.
65
heit oder aus ähnlichen Gründen geschehe, vielmehr behaupten
sie, dass keiner weggehen würde, wenn hier auch nur annähernd
ausreichende Erwerbsgelegenheit zu finden wäre; und das ist auch
das Urteil der Bauern, obwohl diese doch selbst unter dem Abzuge ¬
zu leiden haben«. Zwar — so meint der Referent — verstärke ¬
der einmal erregte Wandertrieb den Abzug über das wirtschaftlich ¬
notwendige Mass hinaus und verursache einen fühlbaren
Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitern, »aber so -
führt er
aus — die Landwirtschaft würde nicht den zehnten Teil der von
hier in die Fremde gezogenen Arbeiter ernähren können, wenn
sie alle zurückkämen«. Auch für die zurückbleibenden Arbeiter
ist nur während des Sommers ausreichende Arbeitsgelegenheit
vorhanden; im Winter suchen sie, soweit sie nicht als ständige
Tagelöhner dauernden Lohnerwerb gefunden haben, Verdienst
beim Holzhacken, Steineklopfen, in Zuckerfabriken, Steinbrüchen,
Ziegeleien u. dgl. Die Arbeit in den Ziegeleien soll sehr schwer
sein; sie dauere monatelang von früh 3 bis abends 9 Uhr und
gefährde die Gesundheit in hohem Masse. In einer Reihe von
Dörfern wendet man sich einer kümmerlichen Hausindustrie zu
im Kreise Langensalza und Mühlhausen z. B. der Handweberei;
im Kreise Heiligenstadt (3) werden besonders Besen hergestellt,
»wozu ein Teil des Materials meist gestohlen wirde. Der Verdienst
hierbei ist ein geradezu jammervoller, denn nach den Angaben
des Berichterstatters bringen es auch Familien, »die es mit besonderem ¬
Eifer betreiben«, auf nur tausend Stück, die à 10 Pfg.
in den Städten Allendorf, Heiligenstadt und Göttingen abgesetzt
werden. Der Bruttoertrag beläuft sich nach Abzug der Kosten
für Materialbeschaffung auf rund 75 Mark. Beim Holzhacken verdient ¬
der Mann o,80 bis 1,00 Mark, während der Monate April
und Mai beim Tannen- und Eichenpflanzen 1,00 bis 1,20 Mark.
Für den Kreis Mühlhausen (2) wird die dem Tagelöhner in den
einzelnen Monaten sich bietende Arbeitsgelegenheit folgendermassen ¬
angegeben: April und Mai: Pflanzen und Behacken der
Erdfrüchte. Juni: Klee- und Grasmähen. Juli: Holzzerkleinern.
August--Oktober: Erntearbeit. November—Januar: Dreschen.
Februar und März: Bei den Bauern keine Arbeit, dagegen Be
schäftigung im Walde (Holzfällen, Aufklaftern und Wellenmachen).
Ueber einen nachteiligen Einfluss der relativ noch wenig
eingeführten Maschinen werden erhebliche Klagen nicht laut.
Die Güter sorgen meist für Beschäftigung ihrer ständigen Arbeiter
Goldschmidt, Landarbeiter.