Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 11 (1896))

Das bürgerliche Gesetzbuch im Reichstag.

13

vorwiegend mit dem geltenden Recht beschäftigen werde. Bekundeten
schon diese Bemerkungen zweifellos jene viel zu weitgehende Ablehnung
einer historischen Rechtsforschung, wie sie jetzt anscheinend auch in
Juristen- und selbst in Dozentenkreisen Mode zu werden beginnt, so
wird man noch viel weniger dem weiteren Wunsche desselben Redners
folgen können, das juristische Studium fortan mit den einzelnen Rechts-
geschäften des geltenden Gesetzbuches beginnen zu lassen und erst
hintennach als lediglich verzierenden Aufputz ein bischen Rechtsgeschichte
hinzuzufügen. Der Werth der historischen Fächer für unseren Studien-
plan liegt doch darin, daß das gewordene Recht voll verständlich wird
erst durch die Kenntniß seines Werdeganges; eine davon losgelöste
isolirte Betrachtungsweise trägt einen blos kommentatorischen, wissen-
schaftlich untergeordneten Charakter, wird aber auch Praktisch dem
einzelnen Satz seine Stellung und seinen Werth kaum richtig anweisen
können. Gerade weil unser künftiges Gesetzbuch in seinen wesentlichen
Bestandtheilen nur eine Kodifikation des bestehenden Rechtszustandes
darstellen wird, kann man ihm ohne genaue Kenntniß der historischen
Entwickelung dieses bestehenden Zustandes nimmermehr gerecht werden.
Am lauesten war natürlich die Haltung derjenigen Gruppen,
denen wegen ihrer separatistischen oder antizentralistischen Richtung die
nationale Bedeutung eines einheitlichen Rechtes minder am Herzen lag.
Hierhin gehören die Redner der polnischen und der welfischen Partei,
v. Dziembowski und v. Hodenberg. Uebrigens war der Stand-
punkt dieser beiden Herren ein wesentlich verschiedener. Während beim
ersteren die Zustimmung im ganzen überwog, während er sogar den dem
Partikularrecht überlassenen allzuweiten Spielraum als der Rechtsein-
heit abträglich bekämpfte, schalt der „deutsch-hannoversche" Vertreter den
Entwurf als einen Triumph schädlicher Zentralisation, der durch diesen
Charakter seinen Freunden die Stellungnahme erschwere.
Viel belangvoller als die Abneigung einer solchen kleinen Gruppe
war die Stellungnahme der zur Zeit numerisch stärksten und unleugbar
einflußreichsten Fraktion des Reichstages — des Zentrums. Schon
vorher war allerlei gemunkelt und angedeutet worden, als ob diese
Partei das staatliche Eherecht des Entwurfes zum casus belli machen
würde; ja man war schon vielfach der — glücklicherweise unbegründeten
— Furcht verfallen, als wenn die Regierungen um deswillen von
vornherein das persönliche Eherecht unter den Tisch fallen lassen würden.

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer