Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 19 (1901))

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Heinrich Schilling.

scheine nur als Qualifikation des Besitzes, der dadurch über sich feibn
hinausgehoben zum Besitzrecht werde. Die Gewere, der Besitz, soll in
eigenthümliche Verbindung mit dem Recht an der Sache treten und
man könne nicht wie im römischen Rechte sagen, das Recht werde er
worben, übertragen und verloren in der Form der Ergreifung, Ab-
tretung und Ausgabe des Besitzes, sondern es werde der Besitz zu
diesem oder jenem Recht erworben u. s. f. Das römische Recht sei
vom Begriff des dinglichen Rechtes ausgegangen und habe im schärfsten
Gegensatz dazu den Besitz juristisch ausgebildet, das deutsche Recht da
gegen sei vom Besitz ausgegangen und habe nie vermocht, das ding-
liche Recht vom Besitz loszulösen. Auch Planck56) sieht unter anderem
in der Gewere ein Besitzrecht, die Form, in der die betreffenden ding
lichen Rechte auftreten. Den Anlaß hierzu hat namentlich die Unter-
scheidung der Quellen gegeben zwischen eigenliker, Lehensgeivere u. s. s.
und der einfachen, gemenen, bloten, hebbenden Gewere, aber in beiden
Fällen bezeichnet Gewere dasselbe, nämlich die thatsächliche, in Nutzung
sich äußernde Gewalt über eine Sache, gleichgiltig ob ein Recht dahinter
steht oder nicht/'")
Allein so gut das deutsche Recht entgegen einer weitverbreiteten
Ansicht (Stobbe, Lab and) den Gegensatz von persönlicher und
dinglicher Klage 58) und damit den Gegensatz der dinglichen und persön-
lichen Rechte gekannt hat, ebenso hat es auch zwischen Besitz und Recht
an der Sache wohl zu unterscheiden gewußt.59) Jedes Recht, das nur
einigermaßen Anspruch auf Entwickelungsfähigkeit macht, muß diesen
Unterschied kennen. Es ist auch gar nicht einzusehen, wie z. B. der
Eigenthümer, der seine Sache verloren hat und daher der Gewere darbt,
nach deutschem Rechte die Gewere demjenigen, bei den: er seine Sache
findet, abgewinnen könnte, hier ist die bewußte Scheidung des abstrakten,
nur in der Vorstellung lebenden Rechtes an der Sache und der thnt
sächlichen Gewalt wesentliche Voraussetzung. Auch tritt die Gewere so

50) Das deutsche Gerichtsverfahren des Mittelalters 1879 Bd. 1 S. 6M.
B7) He u sler, Deutsches Privatrecht Bd. 2 S. 23 s-, anders früher Gewem
S. 149.
B8) Siehe den interessanten Nachweis bei Heusler, Deutsches Privatrecln
S. 384 f.
59) Vgl. Stobbe, Handbuch, 1. Ausl., II 1 S. 9; Heusler, Geivem
S. 150.

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