Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 19 (1901))

Eheliche Nutznießung im B.G.B.

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Ebensowenig kann es richtig sein, wenn Heusler mit den in
einer Gewere an der Sache sich realisirenden Rechten das Gebiet der
dinglichen Rechte abschließen will, was übrigens mit seiner eigenthüm-
lichen Theorie der Rechtsame als den körperlichen Sachen gleichstehender
Objekte zusammenhängt. Der Satz, daß alle dinglichen Rechte ihre
volle Bethätigung nur durch die Gewere sinden, und ein Recht, welches
hierzu keiner Gewere am Gute selbst bedarf, kein dingliches Recht sei,
kann in dieser Allgemeinheit nicht richtig sein. Warum sollen Prädial-
servituten und Reallasten, wie Heusler will, nicht als dingliche Rechte
betrachtet werden? Daß sie sich nicht in einer Gewere am Gute selbst
realisiren — aus diesem Grunde bestreitet Heusler die Dinglichkeit
dieser Rechte —, erklärt sich daraus, daß ein praktisches Bedürfniß hier-
für (vom Rechtsbesitz abgesehen) nicht vorlag.
Der einzige Unterschied zwischen römischen: und deutschem Rechte
kann nur darin gefunden werden, daß das römische Recht entsprechend
seiner possessio das Eigenthun: möglichst lastenfrei zu gestalten suchte,
während das deutsche Recht entsprechend seinen: Gewerebegriff die
Nutzungsrechte umfassender ausbildete.
Nach den Arbeiten von Heusler und Lab and erscheint die ältere
Litteratur als antiquirt und würde es zu weit führen, alle die ver-
schiedenen Auffassungen der Gewere zu erörtern.
Hervorzuhebeu ist nur Agricola mit Rücksicht daraus, daß er
durch seine unhaltbare Auffassung der Gewere zu seiner eigenthümlichen
Konstruktion des sächsischen ehelichen Güterrechts gelangt ist; ferner der
neueste Versuch einer Fortbildung der Geweretheorie durch Huber?H
Nach Alb recht soll die Gewere die Trägerin des dinglichen
Klagerechts und so die Grundlage des deutschen Sachenrechts sein.
Scharf hat Agricola55) diese eigentümliche Auffassung Albrecht's
durchgeführt, um so die Basis für seine Konstruktion des sächsischen
ehelichen Güterrechts zu gewinnen. Das deutsche Recht soll nicht zur
Abstraktion des absoluten Rechtes an der Sache gelangt sein, weil die
Gewere und mit ihr das Recht an der Sache in einer schlechthin anderen
Anschauung als im triMnifdjei: Rechte wurzle. Das dingliche Recht er-
B4) Vgl. Gerber-Cosack 1. c. Anm. 4 und die Citirten S. 16. Die
mlere Litteratur siehe bei Stobbe-Lehmann I11 S. 190 Anm. 1; Schröder,
Aechtsgeschichte S. 701 Anm. 33; Franklin, Grundriß S. 36, 38.
55) Gewere S. 96 f.

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