Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 19 (1901))

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Otto Gierke.

den Füßen. Der unsägliche, männermordende Streit scheint geschlichtet.
Die Handelsgesellschaft ist eine nach dem Prinzip der gesammten
Hand konstruirte Gesellschaft. Die sogenannte Societätstheorie
ist erschlagen. Es geht nicht mehr an, vom römischen Societätsbegrin
auszugehen und ihn so lange zu biegen und zu stutzen, bis er als
„modifizirter Societätsbegriff" nothdürftig an die Handelsgesellschaft
heranreicht. Denn schon die Gesellschaft des bürgerlichen Rechtes in
von vornherein in ihrer normalen Gestalt als ein von der römischen
8oci6ta8 grundverschiedenes Gebilde aufgebaut und hat keinen loseren
Gesellschaftstypus hinter sich, als dessen Modifikation sie aufgefaßt werden
könnte. Die Handelsgesellschaft aber weist in ihren Abweichungen von
der Gesellschaft des bürgerlichen Rechtes lediglich ein starkes Mehr der
Entfernung vom Societätsbegriff auf. Andererseits ist auch die Theorie
der juristischen Persönlichkeit der offenen Handelsgesellschaft abgethan.
Denn unzweifelhaft ist die Gesellschaft des bürgerlichen Rechtes keine
juristische Person. Wollte aber Jemand behaupten, in den Zuthaten
des Handelsgesetzbuchs stecke die juristische Person, so wäre ihm zweierlei
entgegenzuhalten. Erstens, daß ein innerer Widerspruch darin läge, bn*
Rechtsverhältniß einer Verbandsperson in wesentlichen Stücken durch
Verweisung auf die für eine bloße Gesellschaft geltenden Regeln zn
ordnen. Zweitens, daß das B.G.B. einen festen Begriff der juristischen
Person hat, der sich auf Vereine, Stiftungen und juristische Personen
des öffentlichen Rechtes beschränkt, die Handelsgesellschaft aber in keine
dieser Kategorien fällt. Noch weniger sind gegenüber dem neuen Recht
andere Theorien haltbar, die das Wesen der offenen Handelsgesellschaft
in ein außerhalb des Gesellschaftsbegriffs liegendes Moment, wie etwa
Haftungsgemeinschaft, Dispositionsgemeinschaft oder Zweck-
Vermögen, verlegen.
Können wir also die Streitaxt begraben? Ich fürchte, die Aera
des ewigen Friedens ist auch hier noch nicht angebrochen! Wir mögen
einig werden, daß die Handelsgesellschaft ihrem rechtlichen Wesen nach
eine Gemeinschaft zur gesammten Hand ist. Aber was ist denn, was
bedeutet diese gesummte Hand? Hierüber wird wohl noch manche
Fehde entbrennen.
Das alte deutsche Rechtswort der gesammten Hand hat sich,
obschon es als technischer Ausdruck weder im B.G.B. noch im H.G.B.
begegnet, in der Litteratur des neuen Rechtes mit überraschender Schnellig

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