Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 34 (1910))

Kulpakompensaüon und Gehilfenhaftung.

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dehnung auch auf Abs. 1 in Erwägung ziehen, so kommt für die
letztere Stellungnahme noch weiter in Betracht, daß ein innerer
Grund für die verschiedene Behandlung der Fälle des Abs. 1 und
des Abs. 2 nicht besteht47). Im Gegenteil; es liegt doch sicherlich
kein Grund vor, den dominus, dessen Gehilfe den Schaden mit-
verursacht hat, besser zu stellen als den dominus, dessen Ge-
hilfe nur die in Abs. 2 vorgesehenen Pflichten zu erfüllen unter-
lassen hat. Denn, daß das Gesetz — und das mit Recht — die
Schadensverursachung oder Mitverursachung als schwerere Pflicht-
verletzung auffaßt als die Unterlassung der Schadensabwendung
oder Schadensminderung, geht aus seinen Worten: „Wenn sich
das Verschulden des Beschädigten darauf beschränkt", klar
hervor. Würde man also § 278 nur auf Abs. 2 und nicht auch auf
Abs. 1 entsprechend anwenden, so käme man nicht nur zu dem
unbilligen, sondern auch unlogischen und daher vom Gesetz sicher-
lich auch nicht gewollten Resultat, daß der dominus für eine
leichtere Pflichtverletzung seines Gehilfen schärfer haften würde
als für eine schwerere.
Freilich verkenne ich nicht die schweren Bedenken, die sich
aus der Fassung des § 254 gegen die hier vertretene Auffassung
ergeben. Nach der Fassung, die das Bürgerliche Gesetzbuch in
andren Fällen gebraucht, müßte — das ist zweifellos —, bei
Beziehung des § 278 auf beide Absätze von § 264 für den Satz:
„die Vorschrift des § 278 findet entsprechende Anwendung", ein
eigner dritter Absatz gebildet sein. Planck, Träger, Oert-
mann und v. Leyden suchen dieses Bedenken damit zu be-
seitigen, daß sie darauf Hinweisen, daß Abs. 2 nur einige von
Abs. 1 bereits mitumfaßte Fälle behandle und daß aus diesem
Grunde die in Abs. 2 angeordnete Anwendung des § 278 sich
Wendung von 8 278 in 8 254 nur auf Erfüllungshandlungen des in einem
Schuldverhältnis zum Schädiger stehenden Beschädigten — s. S. 351 oben —
bezieht oder mit Cohn — s. oben S. 361 — die entsprechende Anwendung
von 8 278 in 8 254 auf die deliktische Schadensverursachung ausschließt.
47) Vgl. auch RG. in Bd. 62 S. 108 und R o s p a t a.a.O. S. 96.
Das Reichsgericht widerspricht sich freilich, wenn es Bd. 62 S. 108 einen
inneren Grund für die verschiedene Behandlung der Fälle von Abs. 1 und
Abs. 2 ablehnt, auf S. 348 desselben Bandes aber eine verschiedene Behand-
lung der beiden Fälle für berechtigt erklärt.

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