Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 18 (1900))

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I. Köhler.

Außerdem half sie sehr unvollkommen: sie konnte allerdings die Mög-
lichkeit verschaffen, den Besitz der Sache zu erwerben, sie enthielt zu-
gleich eine Traditionsofserte, die durch spätere Besitzergreifung angenommen
und zur vollendeten Tradition gestaltet wurde. Allein dies war ein
umständlicher Umweg; jemanden sofort zum Eigenthümer zu machen,
war man nicht in der Lage: das Eigenthum erlangte der Erwerber
ja nur, wenn es der Zufall wollte, daß er in den Besitz der Sache
kam. Im übrigen verweise ich über diese Rechtsfigur auf meine Ge-
sammelten Beiträge zum Civilprozeß S. 43 ff. Hiermit sind wir bereits
an der Schwelle des B.G.B angelangt. Doch vorher ist noch eine
nicht unerhebliche systematische Frage zu erledigen.
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Bisher sind wir nämlich von dein Satze ausgegangen, daß der
Uebereignungsvertrag ein wirklicher Vertrag sei und im Allgemeinen
den Regeln des Vertrages folge; wir haben von dinglichem Vertrage
gesprochen, wir haben auch die Besitzübergabe als eine Form angenommen,
in der sich der Uebereignungsvertrag bekundet und ausprägt. Dies ist
in der neueren Zeit mehrfach bestritten worden, besonders ausführlich
von Chlamtacz, Die rechtliche Natur der Uebereignungsart durch
Tradition (Lemberg 1897) S. 8 s., 17 f.
Hier muß man sich jedoch zunächst über eines verständigen. Ob
die Römer den Uebereignungsakt als Vertrag konstruirt, ob sie die
nöthige Abstraktion vollzogen haben, um diesen Akt mit den übrigen
Vertragsgebilden zu einer begrifflichen Einheit zusammenzufassen, ist
zwar dogmengeschicbtlich und als Moment in der Entwicklung des
menschlichen Geistes bedeutsam; für unsere dogmatische Rechtsanschauung,
dagegen — auch was die Beurtheilung der praktischen Ergebnisse des
Röm. Rechts betrisst, — ist es ganz ohne Belang. Wir stehen in
der Konstruktion des Rechts thurmhoch über den Römern, und dies
insbesondere auch, was die Konstruktion ihres eigenen Rechts betrifft,
und wir brauchen uns ebensowenig an ihre konstruktiven Meinungen
zu binden, als in der Konstruktion des deutschen Rechts an die
Meinung der alten Magdeburger Schöffen. Bedeutsam wäre es in
dieser Hinsicht nur, wenn die Quellen Entscheidungen enthielten, welche
den Uebereignungsakt den Normen des Vertragsrechts entzögen. Dies
ist aber nicht der Fall.

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