Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 18 (1900))

Vertrag und Uebergabe.

einer wörtlichen Willenserklärung bedürfe, um dieser Besitzthatsnche eine
andere rechtliche Wendung zu geben, auf daß sie nicht mehr eine De-
tention, sondern einen Besitz des bisherigen Detentors zum Ausdruck
bringe?) Daher konnte die brevi manu traditio einfach durch eine
doppelte Erklärung erfolgen: der Eine sagte: ich gebe die Gestattung
zur Besitzergreifung, der Andere sagte: ich ergreife Besitz. Beide Er-
klärungen schlossen sich aus diese Weise zum Vertrag zusammen; denn
zwei einseitige Erklärungen kömien auf solche Weise zum Vertrag werden
und die Bestandtheile eines aus Erklärung und Gegenerklärung zusammen-
gesetzten Erklärungskomplexes bilden?)
Die Erfahrungen nun, die man bei der brevi manu traditio ge-
macht, waren nicht fruchtlos gewesen; als Celsus das Konstitut
ersonnen, übertrug er von selbst den gleichen Kunstgriff auch auf dieses.
Auch hier macht das fortbauernbe Besitzfaktum eine erneute Besitzergreifung
überflüssig: dasselbe Besitzsaktum kann als Grundlage gellen für den
Besitz iw seiner mannigfachsten Entwickelung, für den Besitz als Eigen-
besitz des Inhabers, wie für den Besitz als Detentionsbesitz zu Gunsten
eines mittelbaren Besitzers. Nur wirkt hier der Vertrag in umgekehrter
Weise. Zwar ist es auch hier der Tradent,'der die Zustimmung zum
Besitzerwerb des Anderen äußert, aber es ist auch der Tradent, der
den Besitz als Stellvertreter des Anderen erwirbt; und damit er ihn
als Stellvertreter erwerben kann, muß ihm der Andere dazu die Voll-
macht geben, denn nur so kann die Stellvertretungsthätigkeit des Tra-
denten für den Erwerber wirken; nachdem aber der Erwerber diese
Vollmacht ertheilt hat, ergreift der Tradent Besitz im Namen des Er-
5) Vgl. Arch. f. civ. Praxis Bd. 69 S. 190. So Gajus Ir. 9 § 5 de adq.
dom.: sine traditione nuda volentas domini sufficit ad rem transferendam. Dahkr
findet die kurzhändige Uebertragung auch dann statt, wenn der unmittelbare
Besitzer bisher gar nicht für den Tradenten besefseu hat. Hat z. B. der Dieb
eine Sache bei der Bank hinterlegt, so wird die Bank Eigenthümerin, wenn der
Eigner davon erfährt und durch bloßen Vertrag die Sache der Bank übereignet;
auch hier steht der Vertrag an Stelle des realen Besitzerwerbes. Vgl. § 932 B.G.B.
°) Dies ist ein Schritt, den der Islam nicht mitgemacht hat. Ein bloßer
Vertrag genügt nicht, auch wenn der Erwerber im Detentionsbesitz ist: dieser muß
eine neue Besitzhandlung vornehmen; mindestens muß sich die Sache in seiner Nähe
befinden, oder es muß so viel Zeit verstrichen sein, als zur Ergreifung nöthig wäre;
Zeitschr. f. vergleich. Rechtswissenschaft Bd. 6 S. 225, Bd. 12 S. 14. Anders
das Talmudrecht, welches die kurzhändige Tradition in römischer Weise kennt,
vgl. Rapaport, Zeitschr. f. vergleich. Rechtswissenschaft Bd. 14 S. 101.
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