Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 18 (1900))

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I. Köhler.

! abgeleiteter, sondern ein originärer, ursprünglicher; er verlangt daher
seine Besitzhandlung, welche Besitzerwerbshandlung wäre, auch wenn keine
Tradition in Frage stände, sondern ein einseitiger Besitzerwerb: welche
Besitzerwerbshandlung wäre, auch wenir man sich alle Erleichterungen des
Traditionserwerbes hinwegdächte: die originäre Erwerbsart verlangt einen
originär vereigenschafteten Besitzerwerb, einen Besitzerlverb, der ohne
Hülfe der in der Tradition liegenden unterstützenden Momente wirkt.
Das ergiebt sich von selbst aus folgender Betrachtung. Der
Satz „Hand wahre Hand" lvill belvirken, daß der Erwerber so be
handelt wird, als wenn das entgegenstehende Eigenthum oder das
entgegenstehende dingliche Recht nicht vorhanden wäre; er will nicht
soviel wirken, als wenn der Veräußerer Eigenthümer wäre, er will
soviel wirken, als wenn gar kein Eigenthum vorhanden wäre und man
einer res nullius gegenüberstünde; dem gutgläubigen Erwerber wird,
um in der Fiktionssprache zu sprechen, das entgegenstehende Eigenthum
hinwegsingirt: wo das fremde Eigenthum ist, da ist für ihn ein eigen-
thumsloser Raum: daher erwirbt er in solchem Falle Eigenthum, falls
er zur Sache in solche Beziehung tritt, daß er sagen kann, res nullius
cedit milii occupanti: der Besitzerwerb wird vom Standpunkt der
Okkupationslehre behandelt; ist er hierfür genügend, so ist er auch
genügend für unseren Satz.
Daher scheidet zunächst der Fall aus, wo gar kein Besitzerwerb
stattsindet, also der Fall der Uebertragung der Vindikation. Es scheidet
aus der Fall des Konstituts, das nicht ohne Tradition denkbar ift;104)
es scheidet aus der Fall der kurzhändigen Uebergabe im Falle, wo der
unmittelbare Besitzer Detentionsbesitzer für einen Dritten ist: denn, wenn
man sich die Tradition wegdenkt, so kann der Detentionsbesitzer nur dann
Eigenbesitzer werden, wenn er sich von seinem bisherigen Eigenbesitzer
losmacht und das Besitzverhültniß, in dem er mit ihm stand, bricht,
wie dies ebenfalls bereits oben S. 4 s. dargelegt ist.
Dagegen ist der Besitzerwerb durch Anweisung mit inbegriffen;
allerdings sollte die Anweisung erst dann genügen, wenn sie nicht
mehr bloß ein Zwiegespräch zwischen dem Anweisenden und dem Er-
werber ist, sondern erst dann, wenn eine Erklärung des Detentions-
besitzers, nunmehr für den Erwerber besitzen zu wollen, hinzutritt; denn

104) Vgl. oben S. 2f. Zu § 933 kommt noch in Betracht § 926 Abs. 2.

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