Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 29 (1906))

Die Lehre vom orärs public.

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ist, ein Gesetz als Faktum anzuerkennen und einem Gesetze unmittel-
bar zur weitern Wirksamkeit Beistand zu leihen und Folge zu geben. . . .
Aber die Wegweisungen, die v. Bar in dieser Formulierung seiner
bedeutsamen Entdeckung der Praxis gab, reichten, wie bereits Kahn^)
nachgewiesen, nicht aus.
„Und was in schwankender Erscheinung schwebt,
Befestiget mit dauernden Gedanken."
Ein Bild und selbst das beste und treffendste konnte niemals die
für die Praxis notwendigen klaren und scharfgeprägten Begriffe ersetzen.
Sodann fand v. Bars Unterscheidung, es sei etwas anderes, ein Ge-
setz als Faktum anzuerkennen und einein Gesetze unmittelbar zur
weitern Wirksamkeit Beistand zu leihen und Folge zu geben,
lebhaften Widerspruch.
Kahn, der selbst zunächst'") v. Bars diesbezügliche Auffassung
geteilt hatte, hob mit Recht späterb") hervor, daß wir niemals die
polygamische Ehe der Türken in der Türkei als „Faktum" anerkennen,
vielmehr zugeben müssen, daß es eine rechtsbeständige Ehe ist oder
war, und daß wir dies ausdrücklich zugeben, wenn uns der Sohn als
ehelich, als legitim gilt.
Die Richtigkeit dieses Einwandes, den Kahn gegen v. Bars
Ausführungen erhoben hat, wird zur Gewißheit bei folgender auf die
Natur des objektiven Rechts sich stützenden Erwägung:
Das ganze objektive Recht ist eine rein geistige Schöpfung von
uns. Die erste Form seines empirischen Auftretens ist die der Norm.
Diese erste Form ist aber zu schwerfällig und bedarf der begrifflichen
Fortbildung, die dadurch geschieht, daß wir den in den Normen ent-
haltenen Stoff in andere Formen gießen, d. h. daß wir auf ihn die-
selben logischen Normen anwenden, in denen wir die sinnliche Welt
erfassen. Den Stoff der sinnlichen Welt bewältigen wir aber dadurch,
daß wir einmal die Erscheinungen nach Raum und Zeit individualisieren,
und sodann durch die Kategorie der Kausalität dieselben wieder ver-
knüpfen. Dementsprechend wurde der in der Normform noch befindliche
Rechtsstofs dadurch weiter entwickelt, daß das Recht individualisiert
30) a-a.O. 19 Anm. 2.
81) JhermgJ. XXX 188.
32) JhermgJ. XXXIX 26.

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