Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 39 (1913))

Getrenntleben der Ehegatten.

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gangenheit ausreichende Garantien dafür bietet, daß sie ihre
Freiheit nicht mißbrauchen wird. Praktisch läuft dies darauf
hinaus, daß ein solches Bittgesuch der Frau daun abschlägig
beschieden wird, wenn sie nicht eine ideale Gattin war. Wenn
ein Ehegatte durch sein Verhalten die Eintracht des Familien-
lebens zerstört, so werden die Ehegatten getrennt, haben sie
aber beide ihre eheliche Pflichten verletzt, so wird gewissermaßen
mit mathematischer Genauigkeit ihre Schuld bemessen und sie
werden nicht getrennt (Maximow, Die Eheschcidnngsgesetze,
1909).
Die Voraussetzungen, unter denen Ehefrauen getrennte
Aufenthaltsscheine erteilt werden, sind recht verschiedene; als
Hauptgründe gelten:
s) gewalttätiger Charakter; Trunksucht, Erpressung, Ver-
mögensverschleuderung ;
d) grausame Behandlung;
c) Nichtbeschaffung des Unterhalts für die Familie;
6) lasterhafter Lebenswandel;
e) Verletzung der ehelichen Treue;
1) Vagabundieren;
g) Geisteszerrüttung;
h) venerische Krankheiten;
i) physische Unfähigkeit zum ehelichen Zusammenleben;
Es werden Aufenthaltsscheine erteilt, und zwar je nach
Lage des Falles, befristete von drei Monaten bis zu drei
Jahren oder bis zum Eintritt gewisser Bedingungen (z. B. bis
zur Heilung des Ehemannes, Unterhaltsbeschaffung u. dergl.),
und schließlich unbefristete, d. h. auf Lebenszeit. Außer-
dem ist es Praxis der Bittschriftenkanzlei, nach Fristabtauf
bei Wiederholung eines diesbezüglichen Antrages abermals
Aufenthaltsscheine zu erteilen. Kinder, bezüglich deren unter
den Ehegatten ein Einverständnis nicht zu erzielen ist, werden
bei dem Elternteil gelassen, welcher nach seinen Charakter-
eigenschaften eine rechtschaffene und standesgemäße Erziehung
der Kinder gewährleistet. Die Uebergabe der Kinder an den
einen Elternteil beseitigt die Einmischung des anderen Teils
in die Fürsorge für dieselben, doch wird letzterem das Recht,

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