Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 5 (1891))

Ai-tersvormundschaft.

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zum Nachtheil der Gesammtheit wie der in Rede stehenden Indi-
viduen selbst.
Nun hat die familienrechtliche Stellung der unehelichen Kinder,
nach dem Entwurf, eine tiefgreifende Aenderung erfahren. Zurück-
kehrend zu den Grundsätzen des römischen Rechts, hat der Ent-
wurf, im Gegensatz zu den auf deutschrechtlichen Anschauungen be-
ruhenden Grundsätzen des Allgemeinen Landrechts, dem unehe-
lichen Kinde den Wiedereintritt in die Familie der Mutter ermög-
licht. Nach §. 30 Abs. 3, §. 1568 des Entwurfes bestehen zwischen
dem unehelichen Kinde, sowie dessen Abkömmlingen einerseits, und
der Mutter des Kindes, sowie deren Verwandten anderseits die-
selben Rechte und Verbindlichkeiten, wie, wenn das Kind ein ehe-
liches wäre; der Entwurf begründet mithin zwischen diesen Kreisen
ein Verwandtschaftsverhältniß, ausgehend von dem Gesichtspunkt
der besonderen Schutzbedürftigkeit des unehelichen Kindes. Hier
sind es einerseits humanitäre Rücksichten, die bestimmend wirken,
die dem sonst isolirt stehenden unehelichen Kinde den rechtlichen An-
schluß an die Familie der Mutter begründen sollen, dann aber auch
Erwägungen sozialpolitischer Art. Gerade in der großen Zahl der
unehelichen Kinder, die von der Familie ausgeschlossen seien, sieht
der Entwurf vornehmlich den Nachwuchs jener destruktiven Elemente,
deren Vermehrung entgegenzutreten, Pflicht der Gesetzgebung fei.16}
Die neue Regelung dieses Verhältnisses der unehelichen Kinder zur
mütterlichen Familie wird in manchen Schichten der Bevölkerung
als Neuerung kaum empfunden werden. Den Anschauungen höherer
Gesellschaftsklassen wird sie allerdings nicht entsprechen, es bleibt
aber zu erwägen, daß sie hier doch nur selten praktisch wird. Hier
vornehmlich wird der Vorwurf Gierke's erhoben werden, daß die
volle Gleichstellung der unehelichen Kinder mit den ehelichen Kindern
gegenüber allen mütterlichen Verwandten das Recht der legitimen
Familie verletze??) Inwieweit nun sein weiterer Einwand — daß
die vom Entwurf vorgeschlagene Regelung des Verhältnisses, bei
dem Mangel eines subsidiären Unterhaltungsanspruchs und Erb-
rechts gegen die Aszendenten des Vaters, dem natürlichen Ver-
“) II. 2 §. 639.
16) Cfr. Motive Bd. 4 S. 854 fg.
17) Cfr. die citirte Schrift Gierke's. S. 479 f.

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