Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 38 (1913))

Soziologische Rechtsanwendung im römischen Recht. 215
Indem nun diese von soziologischen Grundsätzen diktierte
Rechtsanwendung stets häufiger erfordert wird, scheint sich die
Spitze dieser Bestrebungen vor allem gegen das römische Recht
und die romanistische Begriffsbildung und Unterrichtsme-
thode zu richten. Am schärfsten tritt diese Auffassung bei
E. Fuchs hervor, bei dem die „Pandektologie" geradezu als Ge-
gensatz zm „Soziologie" und sogar als Grundlage scholastisch-
logischer Auslegungsmethode und wortwissenschaftlicher, den Er-
fordernissen des praktischen Lebens fremder Paratzraphendok-
trin hingestellt wird. * * * 4 5)
Daß diese Anschauungen auf einem Verkennen der römischen
Rechtsgeschichte beruhen und unter „römischem Recht" und „ro-
manistischer Auslegungsdoktrin" Dinge verstanden werden, die
mir der echt-römischen Lehre der Gesetzesauslegung und mit der
einst tatsächlich geübten interpretatio iurispruävntium nichts zu
tun haben, wurde bereits anderorts ausdrücklich betont und nach-
gewiesen. 5)
Im Folgenden sei es mir nun gestattet, darauf hinzuweisen,
daß die römische Rechtswissenschaft geradezu als Musterbild
einer richtig aufgefaßten soziologischen Methode
erachtet werden muß.

I.
Es fragt sich zunächst, was wir unter einer „berechtigten"
Rolle der soziologischen Methode im Privatrecht zu verstehen
haben. Die Frage nach dem Verhältnis der Gesetzgebung
sowie der Rechtsphilosophie zur Soziologie soll hier na-
lungen des ersten deutschen Soziologentages (1911), S. 275 ff.), E. Fuchs (neuer-
dings), Begriffsjürisprudenz und soziologische Rechtswissenschaft, Frankfurter Zeitung,
22. und 29. Mai 1910, auch jüngst: Juristischer Kulturkampf, Karlsruhe 1912.
4) Soziologie und Pandektologie in der neuesten Judikatur des Reichsgerichts,
Monatsfchr. f. Handelsr. 19 (1910), 220 ff., Jur. Kulturkampf, 52.
5) Vgl. Kiß, Billigkeit und R'cht, mit besonderer Berücksichtigung der Frei-
rechtsbewegung, Arch. f. R. u. Wphil. 3 (1910), 536 ff. und Gesetzesauslegung und
„ungeschriebenes" Recht, Jherings I. 48 (1911) 413 ff. — So neuerdings auch
Jung, Das Problem des natürlichen Rechts, 1912, S. 11. Kübler (zitiert unten
S. 223, Anm. 3g) S. 598 f.

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