Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 17 (1900))

ueberhang, Ueberfall, Grenzbaum.

255

anderen Mannes Hof, der Herr mag ihn wohl verhauen, ob er
will, und hanget Obst in seinen Hof, das ist zu Recht feine.11) Hier-
aus bildete sich ein vielfaches Gewohnheitsrecht mit einem sog. Luft-
recht verquickt.
Unter Bezugnahme auf diese Stellen hat die sächsische Recht-
sprechung von altersher entgegenstehendes römisches Recht anzuwenden
abgelehnt; so bemerkt C. A. Weiske, Landwirthschastsrecht, 1838,
S. 79, daß L. 17 § 13 I). 41.1 in Sachsen nicht anwendbar sei,
da man hier „Ueberhang, Ueberfall" kenne nach Sachsenspiegel II. 62
und Weichbild Art. 125, zu Folge dessen die Früchte und Aeste, welche
Überhängen, ohne alle Rücksicht auf Wurzeln, vom Grundherrn, in dessen
Luftsäule sie sind, weggenommen werden dürfen; ebenso C. G. Hau
bold, Sächsisches Recht, 3. Ausg. § 362, noch unter Rückbeziehung
auf die Autoritäten Carpzov, Berger, Wern her, behauptet, daß
der Nachbar, an dessen Grenze ein fremder Baum steht, berechtigt sei,
die Aeste, soweit sie Überhängen, eigenmächtig und ohne den Eigen
thümer vorerst davon zu benachrichtigen, abzuhauen; wogegen, wenn
der Nachbar dergleichen fremde Aeste dulde, der sog. Ueberfall sein
fei.12) Ein Erkenntniß des Oberappellationsgerichts zu Dresden
von 1841 bestreitet das Bestehen eines Rechts des Nachbars, den
Baumeigenthümer zu nöthigen, daß dieser auf das Feld jenes über-
hängende Zweige oder Aeste hinwegnehme, denn das bloße Ueberhängen
ll) Vergl. F. Ortloff, Das Rechtsbuch nach Distinktionen, Jena 1836,
Buch 2 Kap. 2 Diss. 14 (S. 113): „Welch man by sine nackebur had einen
boymgarten legen, waz do obir dez an andere were kempt mit sinen esten
udder zcelcken, der denne den stam adder wörzeln uf siner gewer hat, der zcy
sich der este udder zcelcke an, unde griffe denne so her nesten wege; wacz om
denne fulget, daz is sin; was ihm da nicht gefolgen mag, des schol jenes
sin." Vergl. auch desselben Ausgabe von Johannes Purgoldts Rechts-
buch 11 c. 25, die Nürnberger Reformation XXVI, 14 u. a. m. zum Beleg
der Behauptung, daß schon damals in dem Ueberhang eine „Verletzung der
Herrschaftsgrenzen" des Nachbars gefunden worden, zumal auch in anderen
Rechtsquellen die Klagen wegen des Ueberhanges bei den Grenzgerichten an-
gebracht und durch „Uebergänger" geschlichtet werden sollten.
'-) Die zahlreiche ältere Rechtsprechung und Litteratur s. bei Emming-
haus, Pandekten des gemeinen sächs. Rechts, 1851, S. 440—446. Mit er-
staunlichem Fleiße hat A. B. Schmidt a. a. O. S. 39- 104 Belege aus deut-
schen Rechtsquellen und fremden Rechten zusammengetragen, auf welche hier
besonders zu verweisen ist.

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer