Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 35 (1910))

Rechtssubjekt und Rechtszweck.

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8. H ö l d e r s Buch ist ein lehrreicher Beleg dafür, wohin die
herrschende Lehre vom subjektiven Rechte als „Willensmacht"
führt. Diese „Willensmacht" soll nach der herrschenden Lehre
auch dem Kinde und dem Geisteskranken „zustehen", nur soll sie
nicht durch diese selber, sondern durch ihre Vertreter „ausgeübt"
werden. Es ist eine ganze Tat von Holder, daß er den Mut
findet, die Haltlosigkeit dieser Vorstellung auszudecken (S. 117).
In der Tat: was denkt sich die herrschende Lehre bei der Formel,
daß die Willensmacht, die der Vertreter des handlungsunfähigen
Menschen betätigen darf, dem handlungsunfähigen Vertretenen
selber „zustehen" soll? In bildlichem Sinne kann ich wohl sagen,
daß jemand mit „dem Kopse eines andern denkt", wenn dieser
die Ergebnisse seines eigenen Denkens jenem zugute kommen läßt;
ich kann sagen, daß die Sünden der Väter die Sünden ihrer
Kinder sind, wenn ihre Folgen nach dem Worte der Schrift diese
bis ins siebente Geschlecht treffen; ich kann die Kraft und die
Schwäche eines andern meine eigene nennen, wenn sie mir zum
Vorteile oder zum Schaden gereichen: das alles ist aber Bilder-
sprache. Daß aber in aller Wahrheit die Macht meines
Willens sich dadurch „betätigen" soll, daß ein anderer Mensch
(nämlich mein Vormund) seinen Willen geltend macht, das ist
einfach widersinnig. Meine Willensmacht heißt: Macht
meines Willens — in diesem Sinne kann jemand, der keinen
Willen hat, auch keine Willensmacht haben. Die herrschende
Lehre sucht dieser unbequemen Konsequenz durch allerlei dialeAi-
sche Wortdrehereien zu entgehen. Sehr beliebt ist z. B. die Wen-
dung, daß der Vertretene „durch seinen Vertreter selber" handle
— in Wahrheit kann ich durch einen andern ebensowenig „selber
handeln", wie ich durch einen andern nicht „selber" schlafen oder
satt werden kann. Ebenso dialektisch erklärt die herrschende Lehre
z. B. die Tatsache, daß auch der schlafende Mensch oder der noch
nicht entmündigte Wahnsinnige Rechte hat, trotzdem sie weder
durch diese selber, noch durch einen Vertreter ausgeübt werden
können: das Recht sei eben nur Willensmacht in potontia, nicht
IN a<rin: das Recht sei nur ein Wollendürfen, nicht ein Wollen-
können, wollen dürfe aber auch derjenige, der nicht wollen kann.
Das ist offenbar nichts anderes als ein Spielen mit Worten:

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