Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 23 (1904))

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Krückmann.

Er greift somit geradezu in die freie Entschließung der verzichtsbereiten
Familienangehörigen ein. Darum ist auch sein zweiter Vorwurf
(S. 508), daß der Verfasser der Begründung noch oberflächlicher über
die Lieblosigkeit der Fideikommißstiftung hinweg gegangen sei, nicht
berechtigt: Wenn die Familienangehörigen sich dieser Lieblosigkeit unter-
werfen wollen, so sollte man meinen, daß dritte, auch Conrad, nichts
dareinzureden hätten. Solange Conrad nicht den Beweis bringt, daß
die fideikommissarische Bindung in den Familien und der Verwandt-
schaft der Fideikommißbesitzer allgemein oder doch wenigstens über-
wiegend oder doch wenigstens zu einem erheblichen Teile als lästig
und ungerecht empfunden wird, so lange fehlt m. E. für alle übrigen
Menschen jede Veranlassung, sich über die Lieblosigkeit aufzuhalten.
Conrad berücksichtigt auch nicht, daß bei ernstlichent gutem Willen
jede Familie ihr Fideikommiß allodifizieren und so den Zustand nach
Conrads Herzen Herstellen kann. Die Beteiligten wollen eben nicht.
2. Unverständlich ist es von Conrads Standpunkt, daß er es
als Fehler des Entwurfes betrachtet, daß die Fideikommisse wegen der
vorgesehenen Mindestgrenze schon den Familien des mittleren Bürger-
standes zugute kommen (S. 509). Nach seiner Befürchtung wird da-
durch die Ausdehnung des gebundenen Grundbesitzes in einer „äußerst
bedenklichen Weise" ermöglicht. Zunächst wächst kein Baum in den Himmel,
ferner kann eine allgemeine Redewendung nicht als reeller Beweis ge-
nommen werden, und zum Überfluß ist die Stabilisierung der Landwirte
aller Stufen dringend wünschenswert. Grade die mittleren Gutsbesitzer
können sich den Luxus des Absentismus nicht leisten und sind daher in
vorzüglicher Weise geeignet, die Stabsoffiziere der Landwirtschaft zu sein.
3. Conrad (S. 510) operiert natürlich auch mit der Gefahr der
Latifundienbildung. Die Darlegungen von Partsch haben die un-
übersteiglichen Grenzen der Latifundienbildung schon erwiesen. Dazu
kommt die schon in Mecklenburg gemachte Erfahrung, daß der Leute-
mangel ebenfalls dem Latifundienwesen ein gebieterisches Halt entgegen-
ruft. Die durch vorzügliche Bodenqualität gewährleistete Sicherheit
und Unabhängigkeit des kleineren und mittleren Besitzers und der
Leutemangel werden auch ohne gesetzgeberische Nachhilfe dafür sorgen,
daß es nicht zur Latifundienbildung kommt. Sollten sich aber die
Großgrundbesitzer auf den Erwerb weiter Sandstrecken werfen, so ist
darin mit dem besten Willen kein Nachteil zu erblicken.

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