Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 23 (1904))

Reservefonds der Aktiengesellschaften.

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der Aktienvereine gibt. Wenn das Gesetz vorschreibt, daß der Be-
trag des Grundkapitals auf der Passivseite der Bilanz figurieren
müsse, so ist dies der buchmäßige Ausdruck für das Prinzip, daß
Werte in Höhe des Grundkapitals dem Aktienvereine als wirtschaftliche
Grundlage erhalten bleiben müssen. Sie müssen von der Verteilung
darum ausgeschlossen werden, weil sie selbst nicht Reingewinn sind,
sondern erst der Erzeugung des Reingewinns dienen sollen. Verteil-
barer Reingewinn kann sich also nur dann ergeben, wenn sie von den
Aktiven in Abzug gebracht sind, und dies bewirkt die Buchung auf der
Passivseite. Aus gleichen Gründen ist auch die Buchung eines jeden
Reservefonds unter den Passiven vorgeschrieben.
Die auf den ersten Blick absurd erscheinende Tatsache, daß der
Reservefonds, ein Aktivum, auf der Passivseite der Bilanz figuriert,
findet also ihre einfache Erklärung dadurch, daß die Bilanzen der
Aktienvereine nicht eine Übersicht über das Aktivvermögen liefern, sondern
den jährlich verteilbaren Reingewinn ermitteln sollen.
Reservefonds im Sinne des allgemeinen Sprachgebrauchs ist eine
dem Gewinne eines guten Jahres entnommenene Rücklage, welche be-
stimmt ist, die Verluste späterer schlechterer Jahre auszugleichen.
Das Wort: Reservefonds" hat vielfach irrige Vorstellungen
hervorgerufen. Man ist gewöhnt, unter einem „Fonds" eine abgesonderte
Vermögensmasse zu verstehen und hat daher vielfach verlangt, daß der
Reservefonds „wirklich vorhanden", das will sagen in sicheren Werten
angelegt sein müsse?) Nun könnte eine derartige Anlegung durch das
Statut vorgesehen sein, nach dem Gesetz ist sie aber nicht begrifflich
notwendig. Es wäre dann ein Teil des Gesellschaftsaktivvermögens
gebunden. „Wirklich vorhanden" ist der Reservefonds aber auch dann,
wenn er ebenso wie das Grundkapital „werbendes Kapital" des Aktien-
vereins darstellt.
Die Tatsache, daß der Reservefonds keine feste Vermögensmasse
darstellt, hat aber andrerseits zu der ebenfalls irrigen Auffassung ge-
führt, daß der Reservefonds lediglich ein fiktiver Buchposten sei, dem
2) Vgl. auch Voßberg: „Die Katastrophen in unseren Aktienunter-
nehmungen und die Gesetzgebung über deren Reservefonds in der Wochenschrift
„Die Gegenwart" Jahrg. 1901 Nr. 38, 39 und Warschauer: „Die Reserve-
fonds der deutschen Aktiengesellschaften" in den „Jahrbüchern für Nationalökonomie
und Statistik. III. Folge. 25. Band. 1. Heft. Januar 1903. S. 3, 20ff.

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