Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 10 (1895))

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I. Köhler.

Alle diese Erkenntnisse bietet erst die Wissenschaft; sollte es im Rechte
anders sein? sollen wir uns hier durch die naive Volksvorstellung
meistern lassen?
Es ist überhaupt ein Fehler mancher Juristen, die Volks-
thümlichkeit, die man mit Recht verlangt, auch für das Gebiet der
juristischen Konstruktion, für die Rechtsdogmatik beanspruchen zu wollen.
Allein es gibt ebensowenig eine volksthümliche Rechtsdogmatik, als
eine volksthümliche Chemie oder Physiologie: jede Wissenschaft verlangt
eine Fülle von Borkentnissen und technischer Vorbildung, die nimmer-
mehr dem Laienverstande zugemuthet werden können. Volksthümlich
soll das historisch gewordene Rechtsgebilde sein, wie die Sprache;
das Recht soll kein Ergebniß der Schule und Kanzleistube bilden, eben-
sowenig als die Sprache ein Erzeugniß der Zeitungsredaktion: beides
soll aus dem Internum des Volkslebens hervorgehen; aber ebenso
wesentlich ist es, daß die wissenschaftliche Erörterung des Rechts und
der Sprache nach wissenschaftlichen Principien erfolgt und sich nicht
durch Vorurtheile des Laienverstandes stören läßt. Nichts war dem
deutschen Recht in der Wissenschaft und Praxis nachtheiliger, nichts hat
mehr dazu beigetragen, den unheilvollen Riß, der immer noch unsere
Rechtsentwicklung auseinanderhält, dauernd zu machen, als die Ansicht,
daß ein Recht nicht nur im Werden und Entstehen, sondern auch in
seiner wissenschaftlichen Erkenntniß volksthümlich sein müsse. 25)
Das Volk mag Weisthümer und Stadtrechte schaffen, so viel es will,
— der wissenschaftlichen Erkentniß ist es nicht fähig, ebensowenig der
dogmatischen, wie der historischen; und ebenso wie die Volksetymologieen
für uns nicht maßgebend sind oder die volksthümlichen Vorstellungen
über die Geschichte seiner Rechte, ebenso sind für uns seine dogmatischen
Vorstellungen über die Elemente des Rechts und ihre Funktion in
keiner Weise bindend.
8 6.
Noch soll auf zwei Einzelfragen übergegangen werden, wo ich mit
Gierke im Zwiespalt stehe; einmal auf die Frage über die Konstruktion
des Licenzrechtes. Gierke hebt richtig hervor (S. 890), daß die
Licenz nicht etwa negativ zu fassen sei, als Ausnahme von dem Unter-
sagungsrecht, so daß der Licenzträger kraft des natürlichen Menschen-

a5) Man vergleiche auch meinen Aufsatz in der Aula 1895 1 2 S. 45 f.

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