Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

Civilistische Rundschau.

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Siellvertretungslehre. Die neue Arbeit von Schloßmann (s. XVIII,
377) wird einer gediegenen und zutreffenden Kritik unterworfen, s. vorzüglich
S. 183. In der Lehre von der Vollmacht bekämpft Jsay die Auffassung
Lenel's, wonach der wahre Adressat der Bevollmächtigung immer der Dritte sei
<S. 218), sowie seine Annahme von der Identität zwischen Vollmacht und An-
weisung, S. 169, nicht minder Planck's bekannte Lehre von dem kausalen
Charakter der Bevollmächtigung.
Sehr beachtenswerth ist die Unterscheidung von Vollmacht und Ver-
tretungsmacht. Letztere kann durch „objektive Momente", etwa durch Anzeige
des Geschäftsherrn von einer angeblich ertheilten Bevollmächtigung, auch ohne Vor-
handensein einer eigentlichen Vollmacht zu Stande kommen, S. 231. Liegt auch
eine Vollmacht vor, „so gründet sich die Vertretungsmacht des Vertreters eben
auf ein doppeltes Moment, einmal auf die Bevollmächtigung und. sodann auf
das äußere Moment, sodaß, wenn bloß das eine davon wegfällt, die Vertretungs-
macht dennoch bestehen bleibt". Als solches „objektives Moment" kommen u. A.
vor der Besitz einer Urkunde seitens des Vertreters, daneben aber auch andere,
S. 233 ff., so z. B. das Auftreten des Gestor als eines „ständigen Wirthschafts-
organs" des Dominus. Wenn Jsay das freilich ausdehnen will auf alle Fälle
einer Geschäftsführung — „für die in gleicher Weise ein objektivirtes Gestions-
verhältniß typisch ist", S. 238, namentlich also für die das Verwalten eines
Landguts, so scheint mir das sehr weit gegangen und durch unser positives
Recht nicht genügend beglaubigt zu sein.
Weitere Untersuchungen widmet Jsay der Besitzerstellung des Gestor;
er befaßt sich bei dieser Gelegenheit mit dem Verhältniß der §§ 855 und 868
B.G.B. Das Moment der Abhängigkeit soll für den ersteren nicht als ent-
scheidendes Kennzeichen verwerthbar sein, vielmehr liege das „determinirende
Moment in der typischen Offenkundigkeit der Gestion" — „der Thatbestand des
Z 855 erfordert ein objektivirtes Gestionsverhältniß", S. 286. Das Ergebniß
seiner Erwägungen (S. 292), auch der gestor im Fall des 8 855 habe Drittm
gegenüber insoweit Besitz, als es sich lediglich um die rechtliche Anerkennung
seiner thatsächlichen Gewaltausübung handle, ist äußerlich bedenklich und inner-
lich m. E. wenig befriedigend. Das von Jsay S. 293 u. verwerthete Bei-
spiel ließe sich auch ohne seine Konstruktion befriedigend entscheiden — durch
Zuhülfenahme eines constitutum possessorium, indem der Rheder das veräußerte
Bild durch den Schiffer als Besitzdiener zunächst in Verwahrung behält.
Der Rechtsstellung des Geschäftsführers stellt Jsay im Folgenden
diejenige des Geschäftsherrn gegenüber. Ob der Gestor, ob der Geschäfts-
herr zum Besitzer (Eigenthümer) der erlangten Sache werde, soll sich nicht,
wie Lenel will, nach der causa richten, sondern lediglich nach der Innen-
beziehung, S 351. Ein den Erwerb des Herrn rechtfertigendes Handeln im
fremden-Interesse liegt aber nur vor, wenn das letztere entweder als fremdes
erscheint, oder subjektiv eine genügende Bestimmung als fremdes gefunden hat,
S. 353. Damit verschwindet nach Jsay der Gegensatz zu Lenel sachlich zum
größten Theile. S. auch die Formel S. 362:

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