Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

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Paul Oertmann.

Was zunächst Kisch's Werk anlangt, so grenzt er seinen Stoff, im Gegen-
sätze zu den beiden anderen hierher gehörigen Büchern, dadurch enger ab, daß er
nur die nachträgliche Unmöglichkeit der Erfüllung in den Kreis seiner Er-
örterungen zieht. Er theilt diese, von der Einleitung abgesehen, in vier Ab-
schnitte, von denen der erste, umfassendste die „vollständige Unmöglichkeit der
Erfüllung", der zweite „die theilweise Unmöglichkeit der Erfüllung", der dritte
„die Ersatzleistung nach 8 281 B.G.B.", endlich der vierte gewisse besondere Fälle
umfaßt: die Behandlung der Unmöglichkeit bei Alternativobligationen, Gesammt-
schuldverhältnissen, Verträgen zu Gunsten Dritter.
Die Arbeit zeigt überall eine große, ja ungewöhnliche Beherrschung des
Stoffes, der Literatur und der — auch ausländischen — Judikatur; Scharf-
sinn, Genauigkeit und eine rühmliche Sicherheit des Urtheils. Besonders her-
vorzuheben ist die große Fähigkeit des Verfassers, das Ergebniß seiner Ge-
dankengänge in präziser, klarer Formulirung zusammenzufassen, s. das Beispiel
S. 172 (hinsichtlich der theilweisen zufälligen Unmöglichkeit):
„Bei allen Verträgen entscheidet nicht der äußere Umfang, um
den sich die Leistung vermindert, sondern die wirthschaftliche Bedeu-
tung dieser Verringerung. Nicht das Größenverhältniß, sondern das
Werthverhältniß ist maßgebend. Das eine deckt sich vielfach nicht mit
dem anderen."
Die wesentlichste Stärke der Arbeit liegt in den Einzeluntersuchungen; die
Kasuistik nimmt, wie Verfasser im Vorworte selbst bemerkt, einen verhältnißmäßig
großen Raum ein. Daher hat er zahllose Fragen, wennschon manchmal etwas
knapp, berührt, was das Referat erschwert und der Bequemlichkeit der Lektüre
unleugbar einigen Abbruch thut. Für die Einzelauslegung des Gesetzes und
der durch dasselbe nahegelegten Fragen bietet K. eine wahre Fundgrube, nicht
nur in der Lehre von der Unmöglichkeit selbst, sondern auch in der von der
Untheilbarkeit der Leistung, vom Rücktrittsrechte, dem Surrogqtionsanspruch aus
8 281. Dankbar erkenne ich an, auch persönlich aus der Schrift reiche Beleh-
rung und Förderung erfahren zu haben.
Rur auf wenige Einzelpunkte sei hingewiesen. S. 13 betont der Verfasser
mit Fug, daß der Unmöglichkeitsbegriff nicht formalistisch auszufassen sei. Nicht
darauf komme es an, ob die Leistung thatsächlich erbracht werden kann, sondern
auch darauf, ob sie aus anderen Gründen dem Schuldner zugemuthet werden
darf, was nicht der Fall sei, wenn sie Gefahren für Leben, Gesundheit, Sittlich-
keit desselben mit sich bringe, wenn Rücksichten des öffentlichen Wohles ihr ent-
gegenständen. „Nur mit diesen Einschränkungen kann man den häufig auf-
gestellten Satz gelten lassen, daß die bloße Schwierigkeit der Erfüllung, im
Gegensätze zur Unmöglichkeit, den Schuldner nicht befreie". — Von besonderem
Interesse scheinen mir ferner die Erörterungen S. 72f. über die Frage, wann
und wodurch der Gläubiger sich einem vertretbaren Verhalten aussetzen könne;
S. 122 f. über die Statthaftigkeit der Leistungs- und der Entschädigungsklage
bei bloßem Unvermögen des Schuldners (zum Theile gegen Planck). Zu 8 281
wird mit guten Gründen dargelegt, daß, wenn die Unmöglichkeit der Erfüllung

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