Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

Civilistische Rundschau.

81

Auf einer breiteren Basis hat neuestens der Schreiber dieser Zeilen dasselbe
Gebiet monographisch dargestellt.") Dabei ergab sich ihm der bisherige Aus-
druck compensatio Inori cum damno als zu eng. Denn der dem Schadens--
ersatzpflichtigen eventuell zu Gute kommende Vortheil ist je nach seiner Eigenart
und der Form des Schadensersatzes bald auf den Ersatz anzurechnen, bald dem
Pflichtigen abzutreten oder auch real herauszugeben. Zur Anrechnung, der zu-
gegeben praktisch wichtigsten Form der Vortheilsausgleichung, kann es von vorn-
herein nur dann kommen, wenn sich der Schadensersatz durch Jnteresseersatz in
Geld vollzieht, aber auch im Uebrigen vermag der Ersatzberechtigte der Anrechnung
des lucrum durch Herausgabe desselben an den Pflichtigen zu entgehen.
In der Schadensauffassung steht mein Buch gleichfalls auf dem von
Walsmann vertretenen „konkreten" Standpunkte; mit einem grundsätzlich nur
abstrakt zu fassenden Schadensbegriffe wäre die vom B.G.B. an die erste Stelle
gerückte Form des Schadensersatzes durch Naturalherstellung unvereinbar.
Die Frage, welche Vortheile auszugleichen (bezw. anzurechnen) sind, be-
antwortet sich analog derjenigen, welche Schäden zu ersetzen seien. Wie zu dem
zu ersetzenden Schaden auch der aus dem zu vertretenden Verhalten nur
mittelbar entstandene gehört, so ist auch der daraus nur mittelbar entsprungene
Vortheil anzurechnen. Der Ersatzpflichtige kann verlangen, daß alle auf sein
Thun als ihre gemeinsame cama zurückzuführenden unmittelbaren oder mittel-
baren Folgen ihm gegenüber einheitlich in Beurtheilung gezogen werden. Die
Bedingungstheorie, wonach alles das als Folge des Thuns erscheint, zu
dessen Entstehung das letztere eine unerläßliche Vorbedingung bildet, wird in
der einen wie anderen Beziehung entschieden verworfen; es sind vielmehr nicht
nur die zu ersetzenden Nachtheile, sondern ebensosehr auch die anzurechnenden Vor-
theile aus diejenigen zu beschränken, die in dem verantwortlich machenden Ver-
halten geradezu ihre Ursache haben, bezw. dazu nach der heute zur Vorherrschaft
gelangten Kries-Rümelin'schen Kausalitätstheorie in adäquatem Zusammen-
hänge stehen, sich als seine nach dem regelmäßigen Verlaufe der Dinge nor-
malerweise ergebenden Folgen darstellen. Unter dieser Voraussetzung können
aber auch solche Vortheile zur Ausgleichung zu verwerthen sein, die unmittelbar
einem eigenen Thun des Beschädigten oder demjenigen eines Dritten ihre Ent-
stehung verdanken.
Im Einzelnen werden die in der Praxis hauptsächlich bedeutsamen und
strittigen Fälle der Vortheilsausgleichung" — bei der Versicherung und der Ent-
eignung — einer genauen Untersuchung gewürdigt; dieselbe fällt bei beiden im
Sinne einer Bejahung der compensatio lucri aus, wie sie wenigstens bei den
Versicherungsansprüchen und -geldern auch der in der Praxis vorherrschenden
Annahme entspricht. Aber auch bei der Enteignung sind von der zu leistenden
Entschädigung, wenigstens die Beträge solcher Vortheile abzusetzen, die gerade
") Prof. Dr. PaulOertmann, Die Vortheilsausgleichung beim Schadens-
ersatzanspruch im römischen und deutschen bürgerlichen Recht. Berlin, Guttentag
1901. VII u. 320 S. Pr. M. 7,50.
Archiv für bürgerliches Recht. XX. Band.

6

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer