Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

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Paul Oertmann.

jugendlichen Bearbeiter gefunden.") Seine Schrift ist als Dissertation an-
erkennenswerth; der Verfasser hat sich befriedigend in die zu behandelnden
Probleme hineingedacht, wennschon er sie im Ganzen nicht erheblich fördert.
Gerade in einigen der interessantesten Punkte, wie der Frage nach der Bedeutung
des mehrfach bestrittenen § 243 (Möglichkeit des ius variandi!) bleibt er allzu
schweigsam.
Richtig ist die Lehre (S. 10), daß „bei der Gattungsschuld keiner der den
Gattungsmerkmalen entsprechenden Gegenstände in obligatione ist und daß dem-
nach der Gegenstand der Leistung niemals der Gegenstand der Schuld gewesen
ist", arg. l. 72 8 4 D. 46,3. Dagegen kann ich nicht den Satz S. 23 anerkennen,
wonach der Umstand, daß die Leistung nicht nur nach Gattungsmerkmalen,
sondern noch in anderer Weise (etwa durch Zugehörigkeit zu einem bestimmten
Komplexe) bestimmt sei, den Begriff der Gattungsschuld nicht ausschließe. Be-
zeichnender Weise muß auch Haver den Unterschied zugeben (S. 44), daß der
Schuldner aus begrenztem Leistungskreise stets, der aus unbegrenztem nur nach
Umständen eine Diligenzpflicht habe.
Eine sehr anregende, leider durch den jähen Tod des begabten Verfassers
an der Fertigstellung gehinderte Arbeit liegt aus dem Nachlasse von Noth-
nagel") vor. Sie geht zur Durchförschung des in der letzten Zeit öfters ver-
handelten Wesens der beschränkten Haftung aus von den Fällen des Handels-
rechts: die Kommanditgesellschaft wird ausführlich (s. besonders S. 58, 63), die
k§esMchaft mit beschränkter Haftung minder ausführlich besprochen. Das
Schadensersatzrecht bot dem Verfasser Beispiele einer beschränkten Haftung im
Eisenbahn-, Postfrachtrecht und Seerechte.
Nothnagel gewinnt das Prinzip (S. 14b—146):
1) Niemand soll für eine Verpflichtung, aus deren Höhe er bei ihrer Ent-
stehung keinen bestimmenden Einfluß ausgeübt hat, mit seiner ganzen Persön-
lichkeit einzustehen gezwungen werden.
2) Niemand soll für ein Verschulden Dritter, obzwar er es zu vertreten
hat, mit seiner gesammten wirthschaftlichen Persönlichkeit haften, wenn nicht
zwingende Gründe dafür vorliegen.
3) Verkehrsrücksichten dürfen eine Haftungsbeschränkung dann veranlassen, .
wenn sonst in genügender Weise „die wirthschaftliche Position des anderen Kontra-
henten geschützt ist".
Es handelt sich dabei natürlich nur um rechtspolitische bezw. -philosophische
Postulate, die im modernen Rechte erst theilweise anerkannt, und auch theoretisch
schwerlich überall endgültig sichergestellt sind.
Interessante Untersuchungen finden sich endlich (s. z. B. S. 150,154) über
die Möglichkeit einer vertragsmäßigen Haftungsbeschränkung.

") Dr. W. Haver, Die Gattungsschuld. (Rechts- und staatswissenschaftl.
Studien Heft XI.) Berlin, Ebering 1900. 121 S. Pr. M. 3,60.
46) Dr. gg. Nothnagel, Beschränkte Haftung (Nachgelassene Schrift).
Wien, Hölder 1900. 160 S. Pr. M. 3.

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