Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

Civilistische Rundschau.

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Anlage sei bemerkt, daß das Reichsrecht außerhalb des insbesondere
das Handelsrecht, in derselben ersolgreichen Weise, wie früher in Dernburg's
Preußischem Privatrecht, in den Stoff hineinverwoben worden ist. Nicht minder
tritt überall, dem zu Grunde gelegten Plane gemäß, die Anlehnung an das
bisherige preußische Recht bestimmend hervor.
Die dürre Formaljurisprudenz hat derzeit bei uns wohl keinen entschiedeneren
und erfolgreicheren Gegner wie Dernburg; er sucht sie in allen Schlupfwinkeln
auf und bringt ihr gegenüber das Prinzip der materiellen Gerechtigkeit zu Ehren.
Als Beispiele führe ich nur zwei Punkte an, wo Planck sich aus formalistischen
Gründen zu einer von Dernburg mit Recht bekämpften Entscheidung hatte
hinreißen lassen: die Fragen, ob zum Gefahrsübergange beim Kauf nach 8 446
o0H8titutuin possessorium und Abtretung der Eigenthumsklage genüge (S. 26),
und ob die Ansprüche der Gesellschaft auf Beitragsleistung gegen die einzelnen
Sozien bereits zum Gesellschaftsvermögen gehören (S. 544) — Fragen, die
Dernburg mit Recht bejaht. Andererseits will es mir scheinen, als ob den
Verfasser sein Streben, überall das nach seiner Ansicht Angemessene auch im
geltenden Rechte möglichst wiederzufinden, mitunter zu einer allzuweiten Abkehr
vom Wortlaute des Gesetzes verleitet hätte, so z. B. bei dem ziemlich bedenklichen
Versuch, einen großen Theil der landrechtlichen Verwendungsklage als durch die
Bereicherungsklage der 88 812 ff. gedeckt zu erweisen, S. 603 und die Beispiele
dort Anm- 10. Auch die Abkehr von der konstruktiven Methode dürste bisweilen
allzuweit gegangen sein, so wenn die Klage aus 8 556 Abs. 3 einfach auf „Er-
wägungen der Zweckmäßigkeit" zurückgeführt wird (S. 169). Niemand wird
bestreiten, daß solche Erwägungen für die Rechtsbildung vielfach, ja in der Regel,
ausschlaggebend sind: aber das enthebt uns nicht der Befugniß und Pflicht, die
Rechtssätze auf die vorhandenen juristischen Grundprinzipien zurückzuführen, zu
„konstruiren". Doch derlei Zweifel sollen uns die Freude an Dernburg's
Meisterwerk nicht stören.
Ein anderes umfassendes systematisches Werk, von Enneecerus und
Lehmann,24) war ursprünglich aus Vorträgen hervorgegangen, wenn es auch
schon in der ersten Auflage die sich aus diesem Ursprung ergebende äußere Form
im Wesentlichen abgestreift hatte. In der jetzt zum größeren Theile vollendeten
zweiten Auflage sind die ursprünglichen Vorträge vollends in die Form eines
Systems bezw. Lehrbuchs umgegossen; die Verfasser wollen ausgesprochener
Maßen mit ihrer Neubearbeitung nunmehr ein Lehrbuch für Studirende geben.
Darum ist dieselbe nicht nur viel reichhaltiger gestaltet, was sich bei den in der
ersten Auflage unverhältnißmäßig knapp gerathenen Partien, die Lehmann
bearbeitet hat, mehr, als in den von Enneecerus verfaßten zeigt, sondern auch
24) Proff. L. Enneecerus und H. O. Lehmann, Das Bürgerliche Recht.
Band 1, erste Hälfte: Einleitung, Allgemeiner Theil; zweite Hälfte, Lieferung 1:
Schuldverhältnisse, Allgemeine Lehren von L. Enneecerus; zus. XII u. 512 S.
Pr. M. 10 — Band 2, Lieferung 1-2: Sachenrecht, Familienrecht von H. O.
Lehmann, zus. 608 S. Pr. M. 12.

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