Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

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Paul Oertmanii.

großer Theil des stattlichen Bandes ist der Dogmengeschichte gewidmet; doch
vermag den Vfr. keine der mitgetheilten zahlreichen Theorieen voll zu befriedigen.
Er begründet dafür die gewohnheitsrechtliche Bildung auf das Rechtsgefühl,
das sowohl die Uebenden als die Nichtübenden „an die Rechtsübung bindet",
s. die Thesen S- 245. Dieses „Uebungsrecht" gilt überall, wo es da ist; ihm
gegenüber erscheint sogar das Gesetz nur als die abgeleitete Rechtsform und
kann höchstens als gleichberechtigt mit ihm anerkannt werden, S. 199. Jrrthum
ist auf die Bildung ohne Einfluß, da das Rechtsgefühl seiner ungeachtet um
nichtsdestoweniger vorhanden ist.
Das Rechtsgefühl kann zuletzt nicht weiter abgeleitet werden, „als aus dem
Rechtstrieb im Menschen, der uns antreibt, stabile Rechtsübung als solche, und
nicht bloße Gewöhnung, weiter zu üben", S. 197.
Für das neue Recht vertheidigt Sturm mit Fug die Möglichkeit einer Fort-
bildung durch Gewohnheit, sobald sie „das Rechtsgefühl bezeugt". „Dieses Ge-
fühl kann sich auch lokal äußern, wenn es nur von den Andern als Gefühl
einer Rechtsgewohnheit empfunden wird", S. 275.
Es ist hier nicht der Ort, um zu einem so tiefgründigen und die schwersten
Probleme unserer Wissenschaft berührenden Werke ausführlich Stellung zu nehmen.
Nur kurz bemerke ich, daß allerdings das Rechtsgefühl auch m. E. bei dem
Bildungsprozesse des Rechtes eine große Rolle spielt; Jhering's Lehre, daß nicht
das Rechtsgefühl das Recht, sondern umgekehrt das Recht das Rechtsgefühl er-
zeuge, scheint mir keineswegs billigenswerth. Aber das als solches rein inner-
lich bleibende Gefühl ist schwerlich im Stande, das Zwangsgebot des Rechtes
hervorzurufen; auch der Verfasser spricht, sogar unter Berufung auf die bekannte
Lehre Zitelmann's (S. 152), von der Unumgänglichkeit einer Uebung zur Ent-
stehung des Rechtes. Kann man aber auf den völkerpsychologischen Vorgang,
der sich bis zur wirkenden That der Uebung gefestigt hat, noch die Bezeichnung
eines bloßen „Gefühls" sinngemäß verwenden? Ich sehe in der Uebung viel-
mehr die Objektivirung des Volks willens.
Immerhin bleibt Sturm's Buch eine anerkennenswerthe Bereicherung
unserer Literatur; man muß ihm dafür um so mehr danken, als er sich in der
Last der praktischen Geschäfte den Sinn für derartige theoretische Probleme frei
zu halten gewußt hat.

IV. Deutsches Bürgerliches Recht.
a) Kommentare und Textausgaben.
Während die Aera der Textausgaben im Uebrigen abgeschlossen zu sein
scheint, ist als Spätling noch eine solche von Krückmann") hinzugekommen,
die, in tadelloser Ausstattung, den Plan verfolgt, den Leser auf „solche WEe,
die leicht übersehen, überlesen, in ihrer begrifflichen Wichtigkeit unterschätzt werden^,
") Prof. vr. P. Krückmann, Das Bürgerliche Gesetzbuch. Textausgabe
mit Verweisungen für den Rechtsunterricht. Leipzig, Dieterich 1901. XII u.
650 S. Pr. geb. M. 9.

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