Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

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Paul Oertmann.

Rechtsphilosophie; Vorschläge zur Sozialreform; dann im zweiten Bande eine
ausgiebige kritische Darstellung der modernen Volkswirthschaftslehre und der
sozialistischen Doktrin. Kurz — die Darstellung umfaßt fast die gesammte
Sozialwissenschaft.
Gegenüber den getadelten Mängeln wird man andererseits auch manchen
Lobspruch nicht zurückhalten dürfen — ihn verdienen vor Allem der große Fleiß,
die Literaturbeherrschung und die außerordentlich faßliche Darstellungsweise des
Verfassers. Vielen seiner Ideen wird auch der religiös und politisch von anderen
Grundlagen Ausgehende den Beifall nicht versagen — so sind die Erörterungen
über Staat und Individuum durchaus beherzigenswerth (s. z. B- S. 66); die
Kritik der zur Begründung des Eigenthums nicht selten verwendeten „Legal-
theorie" (s. S. 206) scheint mir durchschlagend.
Zur Rechtsphilosophie zählt ferner eine durch selbständige Durch-
denkung schwieriger Probleme und philosophische Vertiefung allsgezeichnete
Studie von Netter,^) die sich aber in ihren vielfachen Vorschlägen und dem
nicht immer leickt verständlichen Gedankengange hier der näheren Erörterung
um so mehr entzieht, als sie doch wesentlich strafrechtlichen Zwecken dient.
Hervorheben möchte ich die Untersuchungell über den Zweck des Rechtes und des
Staates, mit werthvollen Angaben über die bei den verschiedenen Völkern und
den großen Rechtsphilosophen hervortretenden Gesichtspunkte, s. das Ergebniß
S. 110.
Das Recht definirt der Verfasser (S. 150), in einer jedenfalls für juristische
Zwecke nicht zulänglichen Formel, als „das Mittel zur Verwirklichung der sitt-
lichen Persönlichkeit". Er geht dann zu einer Darstellung und eindringlichen
Kritik der Strafrechtstheorieen über; eine solche ist ihm „die Klarlegung des be-
stimmenden Prinzips, welches Motiv und Zweck der Rechtsstrafe beherrscht",
S. 289. Die Sonderung in absolute und relative Theorieen ist nicht aufrecht
zu erhalten, S. 313, ebensowenig wie die zwischen Vergeltungsidee und Zweck-
beziehmlg, S. 327. Schließlich ergiebt sich als die Grundlage des Strafrechts
das „Vervollkommnungsprinzip", S. 355, wie es bereits ähnlich van Calker
aufgestellt hat.
Zur allgemeinen Rechtslehre zählt auch die kleine, recht anspruchsvoll auf-
tretende, aber mit ganz unzulänglichen Mitteln an ihre schwierige Aufgabe
herangehende Studie von Schwabe'') über das Rechtssubjekt. Nur die
natürliche Person soll Rechtssubjekt sein, weil nur sie genießen kann; das
„Aufblühen der Irrlehre der historischen Schule (von der juristischen Person)
läßt sich theilweise auf unrichtige Interpretation römischer Quellenfragmente,
theilweise auf ungesunde Einflüsse allgemeiner Ideen.des Naturrechts und der

2) Dr. O. Netter, Das Prinzip der Vervollkommnung als Grundlage
der Strafrechtsreform- Eine rechtsphilosophische Untersuchung. Berlin, O. Lieb-
mann 1900. IX u. 357 S. Pr. M- 6,50.
s) Dr. M. Schwabe, Rechtssubjekt und Nutzbefugniß. Basel, B. Schwabe
1901. 64 S. Pr. M. 1,60.

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