Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

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Muskat, Fürsorgeerziehung.

nur dann anzunehmen, „wenn alle anderen zur Verfügung stehenden
Maßregeln, eine geordnete Erziehung herbeizuführen, versagen". Ab-
solche Maßregeln werden zutreffend aufgeführt die Anwendung „der
kirchlichen Einwirkung, der Schulzucht, der Armenpflege, freiwilliger
Liebesthätigkeit". Man wird mit den Ausführungsbestinunungen mul,
noch solche nach § 1666 B.G.B. zulässige Anordnungen des Vor
mundfchaftsgerichts hierher rechnen können, welche nicht die zwangs
weise Unterbringung des Minderjährigen in einer Fanrilie oder in
einer Erziehungs- oder Besserungsanstalt zum Inhalte haben. Hier ist
aber die Grenze, wo der preußische Richter das Gebiet des Fürsorge
erziehungsgesetzes betritt und nur dieses noch anwenden darf. Wenn
die Ausführungsbestimmungen alle nach § 1666 B.G.B. zulässigen
Anordnungen zu den die Anwendung des Fürsorgeerziehungsgesetzes
ausschließenden Maßnahmen zählen, so gerathen sie, soweit die Unter
bringung in einer Familie oder Anstalt in Frage kommt, mit
sich selbst in Widerspruch. Denn sie begründen die Schranken, die
das Fürsorgeerziehungsgesetz sich selbst gegenüber anderen geeigneten
Vorbeugungsmaßregeln setzt, mit den tiefen Einwirkungen der Für-
sorgeerziehung auf das Verhältniß des Jugendlichen zu seinen Ellern
und seiner Familie, Einwirkungen, die in vielen Fällen eine vollständige
Loslösung von der Familie zur Folge hätten. Ja, greift denn eine
voin Vormundschaftsgerichte lediglich nach § 1666 B.G.B. angeordnete
Unterbringung minder tief in das Familienleben ein? Im Gegen-
theil, noch tiefer, da sie ohne jene starken Kanteten, die das Verfahren
nach dem Fürsorgeerziehungsgesetze bietet, mehr nach freiem Ermessen
des Vormuudschaftsrichters erfolgt. Stehen also andere Mittel als
die Unterbringung zur Verfügung, so hat das Vormundschaftsgericht
meines Erachtens von dieser überhaupt abzusehen, andernfalls
aber, unbekümmert um die Vermögensverhältnisse des Minderjährigen
und seiner Angehörigen, die Unterbringung lediglich nach Maßgabe
des Fürsorgeerziehungsgesetzes anzuordnen.

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