Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

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Julian Goldschmidt.

historische Erwägungen, als mildernde Umstände zu statten; denn so-
wohl die Grundschuld als auch die Eigenthümerhypothek sind auf dem
Boden der Pfandrechts lehre erwachsen. Allein diese Entwicklung kann
weder als eine Ausgestaltung, noch als eine Fortbildung, ja nicht ein-
mal als eine Umformung oder Einschränkung des Pfandrechtsbegriffs
erachtet werden. Bei Lichte besehen, bedeutet sie nicht mehr noch weniger
als eine vollständige Loslösung, bei der Eigenthümerhypothek sogar
eine absolute Verneinung dieses Begriffs. Faßt man nämlich diesen
als dasjenige aus, was er nach tausendjähriger aus dem tiesinnersten
Wesen der Sache, unter der Herrschaft römischer Rechtsanschauungen
quellender Evolution ist, so stellt sich das Pfandrecht als eine jener
festgefügten, scharf umgrenzten Rechtsbildungen dar, welche das Kredit-
bedürfniß allüberall geschaffen hat und schaffen mußte, wo der Rechts-
und wirthschaftliche Verkehr aus den engen Banden des Zug- um Zug-
Verkehrs sich zum juris vinculum vergeistigt hat, d. h. zu derjenigen
Willensbindung, welche die zeitlich auseinander liegenden Grenzgebiete
der Obligation, ihre Begründung und Erfüllung, Leistung und Gegen-
leistung als ein Rechtsganzes umspannt. Die accessorische Natur des
Pfandes ist daher nichts Zufälliges, von den römischen Juristen ad
hoc gemachtes, sondern dasjenige Element, ohne welches der Pfand-
rechtsbegriff ebensowenig denkbar erscheint, als der des Kaufes ohne
Güteraustausch, des Darlehns ohne Geldgewährung, des Nießbrauchs
ohne Fruchtgenuß. Der Umstand, daß das Pfand „zum Zwecke der
Sicherung" der geschuldeten Leistung bestellt wird, ist das grund-
legende Thatbestandsmoment, welches den gesammten Rechtsbau des
Instituts trägt. Kommt es in Wegfall, so schwindet damit sein Lebens-
element; und sowohl die ohne ein zu sicherndes Forderungsrechi, für
sich allein bestehende, subjektlose Sachhaftung (Grundschuld), als auch
die in der Eigenthümerhypothek zu Tage tretende Entlastung*) des
stüheren Pfandes läßt sich nicht, ohne der Rechtssprache, die sich nun
einmal in dem Worte „Pfand" in bestimmter Weise objektivirt hat,
und ohne deren immanentem Gednnkeninhalte Gewalt anzuthun, unter
den römischen, d. h. den einzig richtigen Pfandrechtsbegriff einordnen.
Pfandrecht ist also, und nach dem Bürgerlichen Gesetzbuche (§ 1204)
mehr als jemals, das zur Sicherung eines Anspruchs bestellte Recht
0 Gemeint ist hier zunächst die erste Erscheinungsform der Eigenthümer-
hypothek, wie sie uns im preußischen Rechte entgegentritt.

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