Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

Fürsorgeerziehung.

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I. Zur Geschichte -es preußischen Zwangserziehungs-
rechts.
1. Wenn wir im Folgenden von Zwangserziehung reden, so
verstehen wir darunter nur die gegen den Willen des Erziehungs-
berechtigten vom Vormundschafts- oder Strafrichter angeordnete Er-
ziehung eines Minderjährigen in einer fremden Familie oder in einer
Erziehungs- oder Besserungsanstalt. Regelt das Vormundschaftsgericht
die Erziehung des Kindes mit dem Willen der Eltern oder sonstigen
Erzieher, unterstützt es diese auf ihren Antrag durch Anwendung ge-
eigneter Zuchtmittel — was schon nach de» §§ 86 bis 89 II. 2, §§ 240
bis 243 II. 18 A.L.R. zulässig war und ebenso noch heute nach den
$5 1631, 1686, 1800 B.G.B. zulässig ist —, so kann m. E. begrifflich
von einer Zwangserziehung keine Rede sein.') Denn der dein
Kinde gegenüber angewandte Zwang kommt nicht in Betracht, da jede
Erziehung, sie mag ausgeheu von wem sie wolle, dem Kinde gegenüber
die Anwendung geeigneter Zuchtmittel, also einen Zwang, in sich
schließt. Die vorgedachten Fälle scheiden mithin aus unserer Be-
trachtung völlig aus.
2. Auch die wahre Zwangserziehung war schon dem A.L.R.
bekannt. Nach § 266 II. 2 wurde die väterliche Gewalt in Ansehung
der Erziehung eingeschränkt, wenn der Vater dieselbe vernachlässigte,
die Kinder grausam mißhandelte, sie zum Bösen verleitete oder ihnen
den nöthigen Unterhalt versagte. In diesein Falle ging die Erziehungs-
gewalt auf die Mutter über. Handelte diese aber ebenso pflichtwidrig,
so war „das vormundschaftliche Gericht schuldig, sich der Kinder von
Amtswegen anzunehmen". Nach Befund der Umstände konnte den
Eltern in einenr solchen Falle „die Erziehung genommen und auf ihre
Kosten anderen zuverlässigen Personen anvertraut werden." (§§ 90,
91 II. 2 A.L.R.) — Die Erziehung eines bevorurundeten Minder-
jährigen, die nach § 28 der preuß. Vorm.-Ordn. der Mutter unter
Aufsicht des Vormundes zustand, konnte derselben aus beliebigen
erheblichen Gründen durch das Vormundschaftsgericht entzogen
werden. Diese Vorschrift ging also weit über § 90 II. 2 A.L.R.
hinaus und rechtfertigte es, einer Mutter das Erziehungsrecht schon
wegen bloßer unverschuldeter Erziehungsunfähigkeit abzuerkennen.

') A. M. Aschrott a. a. O. S. 43ff., 49.

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