Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

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Thiesing.

gläubiger, Pächter, Miether, Verwahrer sein Recht oder seine Ver-
pflichtung zum Besitze von einem Anderen ableitet." Dem gleichen
Gedanken giebt Strohal (a. a. O. S. 22) Ausdruck, indem er aus-
sührt, daß bei sämmtlichen im § 868 beispielsweise erwähnten Fällen
dem unmittelbaren Besitzer der Besitz vom bisherigen Besitzer auf Zeit
überlassen, anvertraut sei, und daß erst „dieser Umstand, vermöge
dessen der gegenwärtige unmittelbare Besitzer sein nur zeitliches Recht
zum Besitze von dem Ueberlassenden ableitet, den Letzteren zum mittel-
baren Besitzer mache." Dieser Auffassung ist u. E. insofern beizu-
treten, als beim Fehlen „dieses Umstandes" mittelbarer Besitz sicherlich
nicht vorhanden ist. Denn wollte man es nicht für nöthig halten,
daß sich das Recht des unmittelbaren Besitzers zum Besitze von dem
„Anderen" herschreibt, so würde man Jeden, der die Herausgabe einer
Sache von dem Besitzer nach Ablauf einer gewissen Zeit verlangen
kann, zum mittelbaren Besitzer dieser Sache stempeln. Ist doch der
Besitzer, da er ja die Sache demnächst herausgeben muß, verpflichtet,
sie dem „Anderen" zu erhalten, wobei der Grad der von ihm anzu-
wendenden Sorgfalt in diesem Zusammenhänge gleichgültig ist. Hier-
nach würde beispielsweise der bösgläubige Besitzer, der nach den §§ 990,
989 dem Eigenthümer für den Schaden verantwortlich ist, der dadurch
entsteht, daß in Folge seines Verschuldens die Sache verschlechtert wird,
untergeht oder aus einem anderen Grunde von ihm nicht her-
ausgegeben werden kann, dem Eigenthümer den mittelbaren Besitz
vermitteln, da er die Sache dem Eigenthümer zu erhalten hat, mithin
ihm gegenüber auf Zeit zum Besitze verpflichtet ist.. Auch der Käufer,
dem der Verkäufer zu einem vereinbarten Termine das Kaufobjekt
übergeben soll, würde als mittelbarer Besitzer anzusprechen sein, weil
der Verkäufer bis zum Erfüllungstage noch zum Besitze berechtigt und
auch wohl verpflichtet ist. Das Letztere wird zwar von Wendt in
Abrede gestellt, der nach seinen Ausführungen a. a. O. S. 63 jedoch
keinen Anstand nehmen würde, dem Käufer mittelbaren Besitz zuzu-
schreiben, wenn die Vorschriften des römischen Rechtes über den Gefahr-
übergang und die damit zusammenhängende vrmtoäia-Pflicht des
Verkäufers in das B.G.B. übernommen wären. Denn nach römischem
Rechte, so argumentirt Wendt, dürfe von einer dem Interesse des
Käufers dienenden Verwahrungspflicht des Verkäufers gesprochen werden,
und somit „wäre in der That die Formel des § 868 zutreffend, daß

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