Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

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Thiefing.

dieser Ansicht war,4 5) vertritt Stroh al (a. a. O. S. 29) den Stand-
punkt, daß man überall da, wo im Gesetze von „Besitz" ohne Beisatz
die Rede sei, erst durch Auslegung feststellen müsse, ob und inwieweit
sich die Vorschrift auch auf den mittelbaren Besitz beziehe. Noch weiter
geht Wendt (vgl. Archiv für die civil. Praxis Bd. 87 S. 48), indem
er lehrt, „daß, wo das Gesetzbuch in irgend welcher Beziehung vom
Besitzer spricht, dann der mittelbare niemals mitgemeint ist."
Es erübrigt sich für uns, zu dieser Streitfrage Stellung zu nehmen.
Denn selbst wenn man die Ansicht Wendt's billigt, kommt dem Be-
griffe des mittelbaren Besitzes noch genügende Wichtigkeit zu, um
eine Untersuchung darüber, ob man in einem konkreten Falle Jemandem
mittelbaren Besitz zuschreiben darf, zu rechtfertigen. Knüpft doch das
Gesetz in einer Reihe von Fällen ausdrücklich an den mittelbaren
Besitz gewichtige Rechtsfolgen. So in der Besitzlehre selbst, wo § 869
dem mittelbaren Besitzer Besitzschutz durch das Mittel der possessorischen
Klagen gewährt und § 870 die Uebertragung des mittelbaren Besitzes
durch Abtretung des Herausgabeanspruchs ermöglicht. (Vgl. ferner die
auf dem Gebiete des Eigenthumsrechts liegenden Vorschriften der §§ 930,
934, 935, 941, 986, 991, 1006 B.G.B., sowie § 76 C.P.O.).
Die Grundlage für das Dasein des mittelbaren Besitzes bildet
nun nach § 868 das Bestehen eines Rechtsverhältnisses gewisser Art
zwischen den beiden Besitzern. Ob dieses Rechtsverhältniß objektiven
Bestand haben muß oder ob auch ein nur vermeintliches Verhältniß
ausreicht, ist ebenfalls streitig,'^) kommt aber hier nicht in Betracht.
Ueber die Beschaffenheit dieses dem mittelbaren Besitzer zu seiner
Stellung verhelfenden Verhältnisses giebt das Gesetz in doppelter Weise
Auskunft: es zählt einmal bestimmte Rechtsverhältnisse auf und fügt
sodann eine clausula Asusralis, begriffliche Merkmale enthaltend, hinzu,
sodaß die vorhergehende Aufzählung einen exemplisikativen Charakter
erhält. Die begrifflichen Merkmale, denen ein Verhältniß, um für die
Entstehung des mittelbaren Besitzes kausal zu sein, entsprechen muß,
sind danach folgende:

4) Vgl. auch Fischer-Henle Anm. 1 zu § 868; Gierke in den Ver-
handlungen des 24. Deutschen Juristentags Bd. 3 S. 29 ff.
5) Vgl. Bartels in Gruchot's Beiträgen Bd. 42 S. 659; Planck a. a. O.
Anm. 2 a. E. zu 8 868.

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