Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

L26

Paul Oertmann.

schrift Bd. 20 S. 202, die einzuschränken mir die Lektüre der vor-
liegenden Schrift keinen Anlaß bietet:
„In Wahrheit ist corpus possidendi nur die Objekti-
Vativn des Besitzwillens, und Besitz selbst das in die Außen-
welt projizirte, im faktischen, nach wirthschaftlichen Momenten
zu bestimmenden Herrschaftsoerhältniß verkörperte Habenwollen
einer Sache."
Goldschmidt's Buch umfaßt keineswegs die ganze Besitzlehre.
Es fehlt nicht nur der gesummte Besitzschutz, sondern auch die Lehre
vom abgeleiteten und vom Rechtsbesitze, sowie manches Andere. Das
erklärt sich theils durch den Plan der Arbeit, theils durch den Mangel
ihrer endgültigen Fertigstellung durch den Verfasser. Ausführlich sind
aber die wichtigen Lehren vom Besitzerwerbe, sowie von der Behauptung
und dem Verluste des Besitzes behandelt. Darauf an dieser Stelle
ausführlich einzugehen, würde zu weit führen; ich hebe nur folgendes
hervor:
a) Der Besitzerwerb vollzieht sich in der Regel ohne direktes
Eingreifen der Rechtsordnung; ob animus und corpus vorhanden
seien, ist eine Frage der thatsächlichen Situation. Den Normalfall
bildet überall eine „handhafte Besitzergreifung", jede anderweite Besitz-
erwerbsart ist ein „Surrogat". Aber damit rechtfertigt sich keineswegs
die, v.ielmehrvonSavigny endgültig abgethane, grundsätzliche Scheidung
der Traditionsfälle in wahre und symbolische, s. S. 219, 228: Die
wichtigsten Fälle des von den Aelteren „symbolisch" genannten Besitz-
erwerbs begründen wahre thatsächliche Macht.
Mit Recht verwirft Gold sch midt sowohl die bekannte, allzuenge
Savigny'sche Formel für den Besitzerwerb (S. 145 ff.), als auch —
mit besonderer Entschiedenheit — die Jhering'sche, wonach der Besitz
durch Herstellung des dem Eigenthum entsprechenden Zustandes („der
Thatsächlichkeit des Eigenthums") erworben werde, S. 149 ff. Manches
von dem, was Goldschmidt hier vorbringt, ist auch schon von Anderen
gegen Jhering's geistvolle, aber unbefriedigende Theorie bemerkt
worden; aber noch nie scheint mir diese insgesammt so gründlich wider-
legt zu sein, als es in dem vorliegenden Buche geschieht.
d) Der Besitzverlust vollzieht sich nach dem Verfasser in den
allermeisten Fällen zugleich „corpore et animo“; daneben giebt es
einige zweifellose Besitzverlustfälle blos corpore: Dejektion, furtum,

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