Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

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Paul Oertmann.

Standpunkte der Gold schmid t'schen Besitzlehre aus die in dem in-
zwischen erschienenen bekannten Werke von Biermann auf Grund
der Dogmengeschichte, übrigens gewandt und überzeugend, verfochtene
„Verflüchtigung des Besitzeorpu8" anerkennen. Um die nuturuliZ
po88688io (s. über die verschiedenen Bedeutungen dieses mehrdeutigen
Ausdruckes S. 66) im Sinne „eines Thatbestandes, welcher dem naiven
Volksbewußtsein als possessio erschien", gravitirt nach Goldschmidt
die ganze Besitzlehre, und es wird „immer wieder, auch in den Zeiten
höchstentwickelter Rechtswissenschaft, der möglichst enge Anschluß an diesen
naturgemäßen Begriff erstrebt", S. 57.
Innerhalb der somit gewiesenen Grenze ist der Besitzbegriff also
inhaltlich variabel, unterworfen an erster Stelle nicht den Wandlungen
des Rechts, sondern denen der Volksanschauung, der Gesellschaft.
Daneben ist freilich nicht zu vergessen, daß sich „auch der Besitz-
begriff, wie alle begrifflich erfaßten Thatbestände des Gemeinlebens,
auf dein Boden einer gegebenen sittlichen und Rechtsordnung bildet",
S. 71. Insofern ist das Recht ein wichtiger „Faktor für die Aus-
gestaltung des Besitzbegriffs"; „das moralische Band der Sitte, das
zwingende Band des Rechts suppliert mancherlei, was an der sinnlichen
Herrschaft fehlt". Aber der grundsätzlichen Auffassung thut das keinen
Abbruch; eine Ausnahme bilden nach Goldschmidt nur die Fälle
des Erwerbs und der Erhaltung des Besitzes durch Mittelspersonen,
sowie die Lehre vom Sklavenbesitz — sie bewegen sich nach seiner aus-
führlichen und überzeugenden Darlegung „ganz auf dem Boden des
Rechts", S. 312.
Aber nicht nur entsprechend dem Nacheinander des Kultur-
sortschritts wird die Frage, wann Besitz anzunehmen sei und wann nicht,
verschieden beantwortet werden müssen, sondern auch nach den Ver-
schiedenheiten im Nebeneinander der einzelnen Fälle. Das zeigt
Goldschmidt überzeugend durch die Gegenüberstellung des tradi-
tionsweisen und des okkupatorischen Erwerbs — „was für
den Traditionsempfänger schon Gewalt sein kann, ist es, nach Volks
anschauung und Recht, noch nicht für den Dieb, den Finder n. dergl.",
S. 111, 183 ff., 188.
Einer Succession in den Besitz bedarf man nach Goldschmidt
also zur Erklärung dieser letzteren Fälle keineswegs. Das näher aus-
zuführen, hatte Goldschmidt damals noch keinen Anlaß, da die

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