Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

Goldschmidt's Besitzlehre.

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griffe der Neueren zu schützen und endgültig sicher zu stellen, wenn sie
auch — oder vielleicht besser: dadurch, daß sie — die Savign y'sche
Formel als solche verwirft. Vielen der Einwürfe, die man gegen die
ältere Lehre erhoben hat, bricht G o l d s ch in i d t, auch ohne sie zu kennen,
durch seine Ausführungen von vornherein die Spitze ab; vor Allem,
indem er zeigt, daß jene Lehre, richtig aufgefaßt, keineswegs 511 den
verkehrswidrigen und formalistischen Ergebnissen führen müsse, die man
ihr nachgesagt hat und zu denen allerdings Savigny selbst, durch
eine allzu engherzige Formulierung verführt, bisweilen gekommen ist.
Stellen wir mit dem Herausgeber die grundsätzliche These der
Schrift an die Spitze der Einzeldarlegung:DerBesitz des römischen
Rechtes ist ein Machtverhältniß, welches dem Gemein-
de w u ß t s e i u als t h a 1 s ä ch l i ch e Herrschaft erscheint, S. 25,
78. Er ist also im Grunde ein thatsächliches Verhältniß, nicht
an erster Stelle durch Rechtssätze bestimmt; wohl kein Recht, sondern
ein Faktum, und wennschon vielleicht doch schließlich §uin Recht geworden,
so zum mindesten ein Recht ganz besonderer Art — „ein Recht,
dessen Voraussetzungen im Wesentlichen nicht durch das
positive Recht näher bestimmt sind", S. 76.
Aber darum ist die Beantwortung der Frage, wann Besitz vor-
liege, weder vom abstrakt-logischen Standpunkt in einer über Zeit und
Raun: erhabenen Weise ein für allemal zu beantworten, noch individual-
psychologisch zu bestimmen — in diesen Richtungen bedarf vielmehr
Savigny's Lehre dringend einer Ergänzung bezw. Verbesserung. Es
kommt in Wahrheit aus das au, was dem Gemeinbewußtsein als
Herrschaft, resp. beim Besitzerwerb, als Erlangung der Herrschaft
erscheint. Das Gemeinbewußtsein aber beantwortet die Frage nach der
kulturellen Entwickelung, dem Wandel der sozialen Anschauungen und
Verhältnisse verschieden. Nach ihrem Fortschritte mag „einer späteren
Zeit mancherlei als „Gewalt" erscheinen, was die naivere Auffassung
der Vorfahren darunter noch nicht begriff; der Gewaltbegriff hat sich
allmählich sublimirt, idealisirt", S. 70. So wird auch in Rom der
Besitz der alten Zeit ein mehr „naturalistisches Gepräge getragen haben"
— aber wenigstens für das historische römische Recht ist das Besitz-
eorpus niemals „nur handhafte Gewalt" gewesen. Umgekehrt hat
keine Entwickelung das eorpus seiner Eigenschaft als „t h a t s ä ch l i ch e r
Herrschaft" entkleidet. Nur mit dieser Maßgabe läßt sich vom

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