Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

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Paul Oertmann.

Fassung der Darstellung vornehmen müssen", dem Werke aber sonst
„die Eigenart der Darstellung Goldschmidt's ganz gewahrt", ins-
besondere sind „Aenderungen und Zusätze nüt Rücksicht auf die spätere
Literatur unterblieben", sodaß das Buch jetzt als ein 1883/4 verfaßtes
und damals abgeschlossenes herausgegeben wird.
Sicherlich war dieses Verfahren nicht ohne gewisse Bedenken.
Denn vielleicht auf keinem civilistischen Gebiete ist die Bewegung in
den letzten 15 Jahren lebhafter, die Anhänger der neueren Lehren
werden hinzufügen: grundstürzender, gewesen, als auf demjenigen der
Besitzlehre. Arbeiten wie die von Bähr, Hirsch, IHering nebst der
durch seinen „Besitzwillen" veranlaßten Literatur (Baron, Kuntze
u. s. w.), ferner Biermann, Klein, v. Pininski und Strohal sowie
die Neuauflage von Randa sind seit Abschluß der vorliegenden Schrift
erschienen, von anderen minder bedeutenden Untersuchungen der Zwischenzeit
ganz zu schweigen. Und das Bürgerliche Gesetzbuch vollends hat den
Besitz bekanntlich inzwischen auf eine ganz neue, breitere Grundlage
gestellt.
Aber gerade angesichts solcher Umstände war dem Herausgeber
seine Arbeitsmethode bestimmt vorgezeichnet. Er hätte eine Einreihung
der neuen Literatur, mochte sein Standpunkt dazu auch ein wesentlich
ablehnender sein, nicht vollziehen können, ohne wesentlich in die Gold-
schmidthche Darstellung einzuschneiden oder sie mindestens durch ein
Uebermaß von Anmerkungen zu belasten. Dadurch wäre die Gefahr
entstanden, daß die Arbeit aufgehört hätte, ein echtes Kind von G o l d -
schmidt's Geiste zu sein; die Einheitlichkeit der Auffassung hätte noth-
wendig Schaden gelitten.
Andererseits leidet durch das vom Herausgeber gewählte Verfahren
zweifellos die Aktualität der Schrift, und manche von unseren „Modernen",
denen die „klassische" Besitztheorie Savigny's und seiner Nachfolger
für ganz überwunden gilt, mögen sie wahrscheinlich achselzuckend bei
Seite legen. Aber sicherlich werden nicht Alle, hoffentlich nicht die
Meisten, so vorschnell urtheilen. Ganz abgesehen davon, daß die Geistes-
that eines Goldschmidt ohne Rücksicht auf die Richtigkeit seiner
Ergebnisse immer zu ernster Beachtung nöthigt, ist auch nach meiner
innersten Ueberzeugung der Inhalt der Schrift weit davon entfernt,
veraltet oder verfehlt zu sein. Sie ist durchaus geeignet, die ältere,
vor IHering herrschende Besitztheorie in ihrem Kerne gegen die An-

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