Full text: Archiv für bürgerliches Recht (Bd. 20 (1902))

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Paul Oerrmann.

getaufte in vollem Umfange prinzipiell anerkannt werden kann", daß es eine kirch-
lich zulässig Civil ehe unter Christen nicht gäbe, S. 36—37. Zum Glücke hat
darüber, wann es eine Civilehe „giebt", nur das staatliche Gesetz zu entscheiden,
und dessen Geboten müssen sich auch die streitbarsten Kleriker fügen; wenn der
Staat die Ehe nur als bürgerliche regelt und die kirchlichen Verpflichtungen dem
Gebiete der kirchlichen Jurisdiktion unterworfen sein läßt, so kann er auch als
Aequivalent dafür sich jeden Eingriff der Kirche in das staatliche Rechtsgebiet
entschieden verbitten (s. S. 36—37). Und was sollen solche ganz unhaltbaren,
bestenfalls als agitatorische Phrasen verzeihlichen Sätze, wie der (S. 68), daß
die Civilehe die Gewissensfreiheit verletze?
Ein Ratnrrecht, aus dessen Postulaten Verfasser solche und andere Sätze
ableitet, wird in diesem Sinne von vorurtheilsloser Wissenschaft — und eine
andere giebt es nicht — allgemein nicht mehr anerkannt, auch nie mehr anerkannt
werden. Rüttelt man mit ihm an den Grundlagen des neuen, schwer-
erkämpften Rechtes, das unter fördernder Theilnehmer so mancher gut-, ja streng-
katholischer Männer eben erst unter Dach und Fach gebracht ist, so scheint niir
ein solches Unternehmen nicht nur vom juristischen, sondern noch mehr vom
nationalen Standpunkt aus schmerzliches Bedauern und entschiedene Zurück-
weisung zu verdienen.
Viel verdienstvoller ist das Buch, von dem Wieruszowski den ersten
Theil vorlegt. ^) Ich erblicke darin eine wirklich vortreffliche Arbeit, überall tief
und selbständig durchdacht unter voller Beherrschung der zahlreichen in Betracht
kommenden Reben- und Ausführungsgesetze, der Judikatur und der Literatur,
mit welch letzterer der Verfasser sich in beachtenswerther und vielfach überzeugender
Weise auseinandersetzt. Für die behandelten Materien wird Wieruszowski's
Buch fortan mit an erster Stelle in Betracht kommen. Der vorliegende erste
Theil umfaßt in zwei Abschnitten und elf Paragraphen zunächst die personen-
rechtlichen, sodann die allgemeinen vermögensrechtlichen Wirkungen der Ehe;
hier finden sich namentlich Auseinandersetzungen über das ehemännliche Kün-
digungsrecht aus 8 1358, die Schlüsselgewalt, die Unterhaltspflichen, die Ver-
muthungen aus 8 1362, endlich die einschlägigen Fragen der Uebergangszeit.
Von interessanten Einzelpunkten hebe ich hervor: Die Polemik gegen
Hachenburg S. 29, 30 in Bezug auf 8 1358; ferner die Untersuchung S. 59,
64 über das Verhältniß des 8 1360 zu den dem Manne den ehelichen Auf-
wand aufbürdenden Vorschriften (8 1389 u. s. w.), dann S. 95 über die (von
Wieruszowski verneinte) Pflicht des Mannes zur Kostenvorschußleistung im
Scheidungsprozesse; S. 149 über die Rothwendigkeit einer objektiven Abgrenzung
des in 8 1362 2 umschriebenen Sachenkreises gegen den umfassenderen Sachen-
bereich des ersten Absatzes, S. 182 über die Frage, ob 8 1362 „als eine Norm
des Ehevermögensrechts der Uebergangsbestimmung des Art. 200 E.G. zum B.G.B.
zu unterstellen sei".
™) L.G.R. Dr. A. Wieruszowski, Handbuch des Eherechts mit Aus-
schluß des Eheschließungs- und Ehescheidungsrechts. Theil 1: Die allgemeinen
Wirkungen der Ehe. Düsseldorf, L. Schwann 1900. XI u. 196 S. Pr. M. 4.

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